Und noch eine Schabracke …

von Mareike Heil

Ein Geschichte:

Samstagmorgen, kurz vor Hannover. Ein langer Stau kriecht die Straße hinauf und man weiß alles Reiter:innen auf dem Weg zur Messe. Pferd&Jagd steht an und die norddeutsche Pferdewelt ist unterwegs, um die paar Hallen zu fluten. Wir auch. Mein Ziel war es Anregungen für Sättel zu finden, Probe zu sitzen und mal einen Lammfellsattel zu testen. Vorweg: Hat nicht funktioniert.

Nun waren wir aber endlich da und gingen ebenfalls los. Erstmal zur Toilette. Da kamen aus dem Herrenklo reihenweise Frauen gelaufen, die nicht an der 10 Meter Schlange stehen wollten und ein Herr witzelte „Heute teilen wir uns wohl die Toiletten.“ Richtig erfasst. Auch so ein Thema über das man mal schreiben könnte. Ist die Damentoilette überfüllt wird die Herrentoilette einfach mit genutzt. Hab ich auch schon gemacht und bestimmt fast jede andere Frau ebenfalls. Aber was wäre, wenn ein Herr sich einfach mal in die Schlange vorm Damenklo einreihen würde und fröhlich hineinspaziert? Ein Gedanke dem man mal nachgehen könnte. Aber nicht hier und heute.

Nach dem obligatorischen Toilettenbesuch ging‘s los in die erste Halle. Zunächst eröffnete sich der Futterhimmel und man kann sicher sein, hier gibt’s für jedes Problem ein Futter das ganz sicher passt! Trotzdem konnte man noch relativ gut vorwärts kommen und an vielen Ständen tummelte sich oft niemand.

Kaufwahn

Aber nach und nach wurde das Menschenknäul dichter und hinter den Pferdeanhängern war dann kein Durchkommen mehr. Jeder Reitwaren- und Kleidungshändler den man sich erdenken könnte, schien gekommen zu sein. Hier waren die ganzen Menschen versteckt!

Es war laut, es wurde gelaufen, im Weg gestanden, und es schien als hätte jemand eine Ladung junger Mädchen abgesetzt und gesagt „Hier habt ihr alle einen Fuffi, macht was ihr wollt.“ Es reihte sich Pink an Glitzer und an knallig überhaupt. Schon bald schien die Hälfte aller Besucher eine [„Hier bitte namenhaften Schabrackenhersteller einfügen“] -Tüte, durchsichtig aus Plastik, um Plastik zu verstauen, mit sich zu tragen.

Die kleinen Hersteller, mit ihren kleinen Ständen schienen einfach übersehen worden zu sein. Alles schob sich hin und her, wie im Rausch, um das nächste Halfter, die nächste Trense, noch die eine Schabracke plus passender Gilzergamaschen zu kaufen. Einige liefen sogar mit Reisekoffern durch die Gegend. Gut, die hatten wenigstens ihre eigenen Tüten dabei, aber so ein Koffer will ja auch gefüllt werden.

Verkehrte Pferdewelt

Da fragt man sich doch: Was soll das Ganze eigentlich? Man würde ja denken, dass in einer Welt der Greta Thunberg, einer Welt der „wie spare ich an Plastik“ und „wie kaufe ich bewusster ein“ dieses Verhalten nicht beim Hobby aufhören würde. Oder ist da etwas Grundsätzliches an der Reiterwelt vorbei gegangen?

Je nachdem zu welcher Abteilung man gehört, wird entweder in der ollen, etwas klapprigen Kiste zum Pferd gefahren oder in der Familienkutsche / SUV der auch zwei Pferdeanhänger ziehen würde. Oder man fährt nicht selbst, sondern wird gefahren. Dort angekommen wird das Pferd zum Reiten in einen Haufen Zeug gewickelt, um bitte dem Trend zu entsprechen und gut auszusehen. Entweder damit das eigene Ego zu pushen oder um ein ruhiggestelltes Kind zu haben, dass keinen Heulkrampf in der Öffentlichkeit inszeniert.

Alles natürlich feinstes Plastik oder Plasikmischgewebe. Ist billig, einfach zu produzieren, einfach sauber zu halten. Und wenn’s im nächsten Jahr nicht mehr gefällt, ab zur Messe!

Aber braucht man das wirklich? Brauchen junge Mädchen und Jungs das wirklich? Obwohl der Reitartikelmarkt schon sehr auf dem stereotypisierten Mädchen basiert, dass Pink, Glitzer und Elsa toll findet. Genauso wie Regenbogenfarben, alles in quietsch und mit Einhornstaub.

Braucht ein Kind sowas? Wäre nicht besserer und qualifizierter Reitunterricht etwas mit deutlich mehr Mehrwert? Aber dazu darf ich wohl nichts sagen. Ich bin jung, single und kinderlos. Quasi das Grauen aller Eltern und daher nicht befähigt Gedanken zu sinnvoller Kindererziehung zu äußern. Einen Äußere ich aber doch. Eltern haben immer Vorbildfunktion.

Alles Plastik

Aber mal ehrlich. Nicht nur die Kinderfraktion deckt sich gern und ausladend dort ein. Wir Erwachsenen sind nicht besser. Dennoch: warum wird im Supermarkt das Obst ohne Tüte genommen und die Wasserflaschen aus Glas, aber die sinnbildliche Schabracke aus 100% Plastik in Plastik gewickelt? Das billige Halfter aus Plastik, was nur einen Sommer hält und der Plastikeimer mit 10 kg Leckerli in Farben und Geschmacksrichtungen, bei denen man nicht wissen möchte wie die entstanden sind.

Muss das sein? Nein.

Ganz ehrlich, ich möchte sowas nicht mehr. Ich kann nicht auf einer Seite sagen, Greta Super, Plastik ihh und dann für mein Hobby doch wieder so tun als wäre es eine andere Welt. Ich vermeide Plastik, wo es geht. Keine Tüten mehr, wenig Verpackungen. Bei Kleidung achte ich darauf, dass entweder Bio – Baum-/Wolle genutzt wurde oder recyceltes Plastik. Für Kosmetik gilt ähnliches. Haare und Körper kann man auch mit fester Seife waschen. Da müssen nicht 80% Wasseranteil dabei sein und ein Haufen Erdöl.

Und zuletzt hört es bei meinem Pferd nicht auf. Meine Lammfellschabracke ist alt, bräuchte mal ein Bad, aber sie ist immer noch gut. Neue Zügel gab es auf der Messe von einem kleinen, privaten Stand. Sie waren teuer, aber ich habe damit jemanden unterstützt der sich Gedanken um sein Produkt macht und viel Arbeit investiert und genau weiß was dort verkauft wird. Ich liebe die Zügel (aus Fettleder) jetzt schon und freue mich auf den ersten Ritt (Nachtrag: War super, sind immer noch super). Meine Alten sind fast 10 Jahre alt und steif. Vielleicht bastel ich noch etwas Innendeko daraus. Die nächste Schabracke wird zwar noch auf sich warten lassen, aber dann gibt es eine aus Filz. Handgemacht. Ebenfalls teuer, aber ganz sicher hochwertiger und gesünder als ein billiges Produkt und da spare ich zur Not auch drauf.

Aber bin ich mit diesen Gedanken in einer Nische gelandet? Wo sind die anderen bewussten Reiter:innen? Sind wir Reiter:innen zwar gern mit Tieren und somit der Natur verbunden, doch unser Naturbewusstsein lässt zu wünschen übrig? Ich hoffe nicht. 

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