Koppen und Weben

von Gast AutorIn
oder

Orale Stereotypen/ Verhaltensstörungen

Leider gibt es heutzutage zahlreiche Verhaltensstörungen beim Pferd, die NICHT genetisch bedingt sind, sondern ,,von Menschen gemacht“, oder durch Stress in jeglicher Form ausgelöst werden. Heute stelle ich das Koppen, sowie das Weben vor. Diese Verhaltensstörungen sieht man meist bei Boxenpferden in Reitschulbetrieben oder Pensionsställen, wo die Pferde mehr als 20 Stunden in der Box verbringen müssen, ohne ausreichend Kontakt zu Artgenossen und nicht genügend Auslauf haben. Diese Pferde werden nur zum Reiten oder Longieren aus der Box geholt und danach wieder zurück gestellt.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Diese sind aber eher selten anzutreffen.

Man bedenke, dass ein Pferd:

  • ein Herdentier…
  • ein Fluchttier…
  • ein Lauftier…

…ist.

Dies alles muss berücksichtigt werden, wenn man sich ein Pferd anschaffen und es gesund erhalten möchte. Ein gesundes Pferd kann nur dementsprechend Leistung erbringen, wenn gewisse Kriterien erfüllt werden.

Die Grundvoraussetzungen für ein gesundes, zufriedenes Pferd

  • Genügend Sozialkontakte mit anderen Pferden
  • ausreichend Auslauf-am besten Offenstall/Aktivstall 365 Tage im Jahr, alternativ tagsüber Koppel/Wiese/Paddock, große Paddockbox nachts
  • hochwertiges Raufutter, in Heunetzen oder alternativ mehrmals am Tag in kleineren Portionen anbieten. Wichtig : lange Fresspausen vermeiden

etwas Futterstroh zum Knabbern, das richtige Minaralfutter, sowie einen Minaralleckstein.

  • dem Pferd ein individuell angepasstes, abwechslungsreiches Training bieten; nicht vergessen: Pausentage gönnen.

Falsch verstandene Tierliebe beim Koppen und Weben

Oft wird die sogenannte Pferdeliebe fehlinterpretiert: Einerseits wird das Pferd -wie ich sage-,,in Watte gepackt“; diese stehen bei über 15 Grad Celsius mit Decke auf 3×3 m ,,Paddocks„ mit Gamaschen an den Beinen. Andererseits wird das arme Tier die meiste Zeit eingesperrt, damit es sich ja nicht verletzt. Dass das dem Pferd eher schadet und so nur unglücklich wird, ja sogar Verhaltensstörungen zeigen kann, wird nicht in Erwägung gezogen.

Das Risiko für Verletzungen ist natürlich sehr viel geringer bei einem Pferd, das draußen artgerecht gehalten wird, als bei einem, das gar nicht oder nur sehr selten raus kommt.

Des weiteren haben Pferde eine wunderbare Thermoregulation und beginnen erst ab -15 Grad zu ,,frieren“. Allerdings macht es Sinn, kranke und/ oder ältere Pferde bereits früher einzudecken.

Ein Pferd ist gelassener, wenn es toben darf und sich so bewegen darf, wie es will. Logisch oder?

Kommen wir nun zum Koppen

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Bild: pferderevue.at

Beim Koppen spannt das Pferd die Halsmuskeln stark an und schluckt Luft ab. Das erzeugt ein gut hörbares rülpsendes Geräusch, den sogenannten Koppton. Die abgeschluckte Luft gelangt normalerweise nicht in den Magen , sondern maximal bis in den oberen Teil der Speiseröhre.

Sogenannte ,Aufsetzkopper´ setzen dabei ihre Schneidezähne auf einen festen Gegenstand, z.B. die Kante der Boxwand, die Futterkrippe, aber auch die eigenen Beine. Die Freikopper zeigen dieses Verhalten ohne einen Gegenstand zu nutzen. Diese Form des Koppens kommt seltener vor. Es ist aber auch möglich, das ein Tier beide Koppformen ausführt.

Koppen führt bei dem betroffenen Pferd zu einer geringeren Herzfrequenz. Zudem schüttet da Gehirn Endorphine aus, die beim Tier ein Glücksempfinden hervorrufen (selbstbelohnendes Verhalten). Die verstärkte Zahnabnutzung bei Aufsetzkoppern hat meist keine gesundheitlichen Folgen.

Kopper zeigen häufig auch andere Stereotypen wie Zungen,-Lippen-und Leckbewegungen. In einem solchen Fall werden diese immer in der gleichen Reihenfolge und Form ausgeführt.

Häufige Ursachen: Mängel bei der Haltung (z.B. zu wenig Raufutter/zu viel Kraftfutter, strohlose Aufstallung, mangelnde Sozialkontakte, zu wenig Umweltreize) sowie ein nicht pferdegerechter Umgang legen den Grundstein für diese Verhaltensstörung. Dazu kommt eine Disposition für das Koppen und/oder hoch im Blut stehende Tiere (z.B. Vollblüter, Araber), aber auch veredelte Rassen.

Erkrankungen aufgrund falscher Haltung und Fütterung: Stress im Stall und/oder eine rohfaserarme Fütterung können zu Magen-Schleimhaut-Entzündungen oder Magengeschwüren aufgrund von zu viel Magensäure führen.

Gründe für dieses Verhalten

Negative bzw. einschneidende Erlebnisse wie etwa Triebstau, Überregung, Frustration (die Gründe habe ich bereits weiter oben erwähnt), Konflikte.

Managmentmaßnahmen

Bei dieser Verhaltensstörung sind die Behandlungschancen relativ gering. Bessere Aussichten bestehen im Anfangsstudium.

  • Beseitigung der Ursache, wenn es sich um eine Erkrankung handelt.
  • Fütterung: -Kraftfutter drosseln
  • Für lange Fresszeiten ausreichend qualitativ hochwertiges, hygienisch einwandfreies Raufutter anbieten, unter Berücksichtigung von Menge und Häufigkeit der Gaben
  • Möglichst oft ungespritzten und ungiftigen Baumschnitt (Zweige und kleine Äste) zum Benagen anbieten; dies befriedigt das Kaubedürfnis, wirkt gegen Langeweile und hilft, möglichen Stress und daraus resultierende Überregung zu vermeiden bzw. abzubauen.
  • Fütterungszeiten variieren, sodass kein Erregungsstau durch Erwartungshaltung entsteht.
  • Abwechslung in den Alltag bringen: regelmäßiger positiver Kontakt zu den Bezugspersonen, Longieren, Bodenarbeit
  • Ausreichend Sozialkontakt zu den anderen Pferden.

Kopperriemen oder OP? Sogenannte Kopperriemen werden als mechanisches Hilfsmittel dem Pferd angelegt und üben beim Koppvorgang, wenn sich die untere Halsmuskulatur zusammenzieht, einen schmerzhaften Druck aus. Bei Operationen werden am Hals bestimmte Nerven und Muskeln durchtrennt. Beide Maßnahmen sind nicht zu empfehlen, weil sie nicht zielführend sind und unnötige Schmerzen verursachen. Der Kopperriemen übt einen schmerzhaften Druck aus, wenn sich beim Koppvorgang die untere Halsmuskulatur zusammenzieht. Eine Operation ist immer mit Risiken verbunden, allein schon durch die dazu notwendige Narkose.

Das Koppen ist für das betroffene Pferd eine Art Bewältigungsstrategie, um mit Stress fertig zu werden. Nimmt man ihm diese Möglichkeit, schnellt der Pegel der Stresshormone im Blut nachweislich in die Höhe.

Wie Koppen ist das Weben eine Verhaltensstörung

Ihr kennt diese sicherlich von Elefanten im Zoo oder Zirkus.

Hinter Gittern Foto & Bild | tiere, haustiere, pferde, esel ...

Bild: fotocummunity.de

Weben kommt auch oft durch die falsche Haltung, Langeweile, Stress und Frustation.

Beim Weben pendelt das Pferd mit der Kopf-Hals-Partie hin und her, wobei zusätzlich das Gewicht ständig von einem Vorderbein auf das andere verlagert wird. Bei sehr starkem Weben kann es sein, dass die Hinterhand in die Gegenrichtung pendelt. Durch die dauerhafte Belastung kann es zu Schäden im Bereich der Vorhandgelenke (Knochen und Sehnen) kommen.

Interessant

Tiere, die Verhaltensstörungen zeigen, weisen in den meisten Fällen Veränderungen im Hirnstoffwechsel auf. Wie genau es zu diesen kommt, konnten Wissenschaftler noch nicht vollständig klären. Auffällig ist aber in jedem Fall, dass Verhaltensstörungen wie das Weben bei Tieren in freier Wildbahn praktisch nicht vorkommen. So liegt nahe, dass die Ursachen vor allem in der Haltung des Pferdes begründet sind.

Die Behandlung dauert, aber kann erfolgreich verlaufen wenn man primär die Haltungsbedingungen ändert , das Futter umstellt und das Pferd abwechslungsreich beschäftigt.

Haltung

mindestens tagsüber draußen, wünschenswert wäre 24/7 draußen in einer ruhigen, gut funktionierenden Herde.

zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten

Für den Fall, dass nur ein Paddock vorhanden sein sollte, gibt es für das Pferd zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten wie zum Beispiel ein Spielball, Äste zum Benagen, Kratzmöglichkeiten, eine Auswahl zwischen Heu und Futterstroh. Außerdem können längere Wege zwischen Trink und Futterstationen berücksichtigt werden.

Futter

Nach Möglichkeit sollte das Heu natürlich hochwertig und staubarm sein. Dabei kann die Raufe mit einem Heunetz bedeckt werden, um die Futterzeit zu erhöhen. Freizeitpferde, die leicht gearbeitet werden ( etwa 1-2 Stunden tägl.) benötigen kein Kraftfutter. Die Gabe von Mineralfutter sollte dennoch gewährleistet sein, bzw. auf der Weide oder dem Paddock ein Mineralleckstein.

An oberster Stelle bei der Bekämpfung einer Verhaltensstörung muss immer stehen, die Lebensbedingungen des Pferdes zu verbessern. Das Weben ist Ausdruck davon, dass das Pferd unter seinen Haltungsbedingungen leidet. Mehr Auslauf, regelmäßiger Kontakt zu Artgenossen, ausreichend Raufutter und Beschäftigung sind für jedes Pferd wichtig und müssen zukünftig sichergestellt sein.

Eine diesbezügliche Änderung sollte in jedem Fall so rasch wie möglich erfolgen, denn je nach Schweregrad der Stereotypie klingen die Symptome der Krankheit aber nicht immer vollständig ab.

Durch die Veränderungen im Hirnstoffwechsel kann es sein, dass ein Pferd, das schon lange webt, das Verhalten auch in einer verbesserten Haltung immer wieder zeigt. Man geht aber davon aus, dass es in diesen Situationen nicht mehr leidet.

Und auch wichtig: Abwechslungsreiches Training! Wir möchten auch Abwechslung im Alltag. Keine Langeweile aufkommen lassen-Überlegt Euch, was könnte ich heute mit meinem Pferd machen?

Es sollte Spaß machen! Klar, Gymnastik ist wichtig und die Basics der Dressur. Auch mal ein Sprung wagen, ins Gelände gehen, viel Bodenarbeit. Das schult Körper und Geist und ihr erlebt ständig etwas neues und wachst so mit Eurem Pferd zusammen:-)

geschrieben von Stella Apetz; Verhaltentherapeutin

Quellenangaben: SGD/Sabine Nawotka, TPT 12A/B, 2011

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