Erfahrungsbericht: mit Kind im Pferdestall

von Maria

Ich bin seit fast einem Jahr Menschenmama und seit fast 17 Jahren Ponymama. Kurz nach der Geburt musste mein Kind schon mit in den Pferdestall. Beide Aufgaben mit ihren Höhen und Tiefen und einem hohen Zeitaufwand. Doch wie bekommt man Kind und Pferd unter einen Hut? 

Kurz: Gar nicht. – Zumindest nicht allein. 

Im ersten Jahr eines Kindes passieren unglaublich viele Entwicklungsschritte und jeder Tag wird neu gewürfelt. Da ist es nur logisch, dass konstante Leistung und ein detaillierter Trainingsplan schwer allein umzusetzen sind. Daher habe ich zwischenzeitlich eine Reitbeteiligung gesucht. Diese Mission ist leider gescheitert und ich habe mich nach kürzester Zeit von dieser Person wieder getrennt. Ich habe mich dazu entschieden Corny den Stress sich auf eine neue Person einstellen zu müssen, nicht mehr anzutun.

Kind im Pferdestall: Training

In den ersten drei bis vier Monaten konnte ich die Situation noch recht gut händeln. Körperlich ging es für mich bergauf ( hier geht es zum Artikel im Wochenbett am Stall) und damit konnte ich mein Pony immer mehr ins Training nehmen. Ich hatte schließlich ein Ziel vor Augen und einen Plan dorthin. Die meiste Zeit am Stall schlief mein Baby. Wenn es das nicht tat, ging ich eine Runde mit dem Pony spazieren. Die gleichmäßige Bewegung ließ in in 97% der Fälle die Augen zufallen. Mit Kind im Pferdestall wieder angekommen war mein Vierbeiner warm und ich konnte Boden- oder Longenarbeit machen. Bei der Arbeit habe ich den Kinderwagen hinter der Hallenbande geparkt. Frische Luft und Bewegung helfen scheinbar am besten beim Schlafen.  Zu diesem Zeitpunkt bin ich noch nicht wieder gern aufs Pferd gestiegen, da sich meine Symphyse ( Schambein) bei Anspannung der Adduktoren oft noch schmerzhaft anfühlte.

Lass den Kinderwagen nie in der Nähe des Ausgangs stehen. Geht dein Pferd oder ein anderes durch ist der Ausgang normalerweise das erste Ziel und der Kinderwagen steht absolut nicht sicher.

Mein Bruder

Nach dieser Zeit kamen allmählich mehr Bewegungsmuster dazu. Diese wollte mein Kind natürlich ausleben und nicht mehr in dem langweiligen Kinderwagen liegen, während ich meine Box machte. Das gab es auch aus voller Kehle zu verstehen. An manchen Tagen schob die ein oder andere Stallkollegin den Wagen Runde für Runde über den Hof oder durch die Stallgasse, bis ich in aller Eile meine Box und mein Futter fertig hatte. Eingebunden in ein Wickeltuch ging es weiter in die Reithalle, wo das Pony bewegt wurde und ich gleich mit, weil Stillstand laut meiner Mini- Obrigkeit keine Option darstellte. Die andere Möglichkeit war den Kinderwagen auf der Stelle permanent auf und ab zu schieben und dabei dem Pony unmissverständlich klar zu machen, dass er weiter an der Longe zu gehen hat. Wenn wir als Trio nun entspannte Tage benötigen, machen wir lange Spaziergänge und genießen die Natur. 

Alles in Eile

Beim Misten habe ich es ein paar Tage lang mit einem Laufstall versucht. Der wurde aber als massive Freiheitsberaubung angesehen und mit einem lautstarken Nein abgestempelt. Meist hat sich jemand erbarmt, bevor ich die Schubkarre überhaupt abstellen konnte und kurzerhand mein Kind hochgenommen oder sich mit ihm ins Heu gesetzt, um zu spielen. Die Abschwitzdecke habe ich ins Stroh gelegt, in dem sich dann lustig quietschend auf und ab gerollt werden konnte und das Stroh genüsslich probiert wurde. Meine andere Option war, Corny erst mit einem Spaziergang zu bewegen und zu hoffen, dass Minimi dabei einschläft, um anschließend Box, Futter, Putzen und alles übrige, das noch anfiel zu erledigen. Leider klappte das nicht immer, wenn mein Kind am Pferdestall zu früh wieder aufwachte oder gar nicht erst zur Ruhe kam.

Status Quo

Wir konnten uns nun darauf einigen, dass mein Kind in der Reithalle beim Pony bewegen mit auf dem Zirkel im Sand spielen darf und beim Misten sich an der Boxentür entlang hangelt. Dabei kam es schon oft genug vor, dass es versuchte sich ein Pferdeapfel von der Schubkarre zu klauen, um es sich in den Mund zu stopfen. Ich bin mir dabei sehr sicher, dass es diverse Male Pferdeurin im Gesicht hatte. Die kleinen Patschehändchen sind flink und neugierig. Daher muss ich stets ein wachsames Auge haben, dass nicht die falschen Sachen im Mund landen. Sand ist noch Ordnung, vollgepinkeltes Stroh und andere Fäkalien sind es nicht.

Insgesamt macht es schwierig den Fokus auf meinem Pony zu halten, weil ich immer zu einem Teil auf mein Kind achten muss. Das ist wie ein Spagat in meiner Konzentration zu machen. Ich bin immer froh, wenn gefragt wird, ob jemand kurz mein Kind nehmen soll, damit ich Corny richtig arbeiten kann.

Ein kinderfreundlicher Stall

Ansonsten ist mein Kind allseits beliebt und wird von anderen Kindern und Erwachsenen mit behütet. Es darf die hofeigenen Schweine mit füttern und tränken, Katzen streicheln und auf einem Sandhügel sein Unwesen treiben. Somit lebt es den Abenteuerspielplatz “Bauernhof” in vollen Zügen. An dieser Stelle verstehe ich den Satz “ein Kind wird von einem ganzen Dorf großgezogen”. Ohne die Mithilfe meiner Stallgemeinschaft hätte ich es um ein vielfaches schwerer. Ich lebe damit in gewisser Weise ein Privileg, da mein Kind den meisten Menschen gegenüber aufgeschlossen und freudig ist.

Zudem haben wir sowohl Appleboy, als auch Schubkarren in Kindergröße zur Verfügung stehen, damit auch die Kleinsten mit in den Stallalltag integriert werden. Diese freuen sich natürlich immer unglaublich, wenn sie ein paar Pferdeäpfel mit zur Miste bringen dürfen oder ein paar Halme Heu beim Füttern mit in die Box werfen. Zusammengefasst ist es ein total kinderfreundlicher Stall, der damit eine Gemeinschaft bildet. Ich denke, dass diese einfache Maßnahme in mehr Ställen genutzt werden sollte. Die meisten Pferdebesitzer:innen im Amateursport sind nun mal Frauen und damit übernehmen sie meist die Verantwortung für die Kinder. Um diese gut mit in den Alltag zu integrieren, sind solche Maßnahmen, wie die Anschaffung einer kleine Schubkarre einfach und effektiv, damit man sich die Arbeit mit Kind im Pferdestall erleichtert. 

Mein Resümee des ersten Jahres

Nichts desto trotz habe ich es nicht geschafft mein Trainingsziel  umzusetzen, wie ich es mir gewünscht hätte. Daher habe ich beschlossen, Corny einen aktiven Rentner sein zu lassen und ihn nicht mehr zu reiten. Das wäre nicht fair, wenn er die nötige Bauchmuskulatur, um mich zu tragen, nicht hat. Wir arbeiten daher mit den Ressourcen, die wir haben und geben stets unser bestes. Ich versuche an der Stelle mit keinem von uns zu hart ins Gericht zu gehen, um unnötigen Stress zu vermeiden und mir selbst vor allem keine Vorwürfe zu machen, dass ich es nicht geschafft habe. Wir arbeiten mit dem was uns zur Verfügung steht, tüfteln Stück für Stück einen neuen Plan dazu aus und sind immer offen für neue Trainingsmethoden, die die Gesunderhaltung von Pferd und im besten Fall Mensch fördern.  

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