Grundlagen des gesunden Pferdetrainings – Basisreihe

von Maria

Letzte Woche hat Mareike euch in dem Artikel “Grundlagen der Pferdefütterung” den ersten wichtigen Baustein für ein gesundes Pferd mitgegeben. In diesem zweiten Artikel unserer Reihe handelt es sich um das Pferdetraining. Mensch und Pferd sollten geistig, wie körperlich in Bewegung bleiben. Auch Albert Einstein sagte schon: “Das Leben ist wie Fahrrad fahren, um die Balance zu halten, musst du in Bewegung bleiben.” Entsprechend zeige ich dir heute, was gesunde Bewegung ist, wofür wir sie brauchen und worauf zu achten ist. 

Körperliche und geistige Ressourcen verbessern

Um langfristig ein gesundes Pferd zu haben oder auch einen eigenen gesunden und möglich schmerzfreien Körper, lohnt es sich zu trainieren. 

Der Körper ist auf reine Effizienz ausgelegt. Was der Körper nicht benutzt, das baut er ab. Umgekehrt wird allerdings aufgebaut. Nur dauert dies meist länger. 

Herz- Kreislauf- System

Schon das erste Training fordert das Herz- Kreislaufsystem. Die Atmung vertieft sich und die entlegensten Winkel der Lunge werden im wahrsten Sinne des Wortes durchgepustet. Sekret wird damit einfacher abtransportiert. Das Herz schlägt schneller und stärker. Langfristig baut sich der Herzmuskel auf, damit Puls und Blutdruck nicht mehr so schnell in die Höhe schießen müssen. Ein niedrigerer Ruhepuls stellt sich ein und die Atemfrequenz nimmt ab, da mit einer Einatmung mehr Sauerstoff ankommt. Damit ist das Herz- Kreislaufsystem effizienter gemacht. 

Gefäße

Wenn sich Muskeln aufbauen und du dem Körper deines Pferdes immer wieder einen Trainingsreiz gibst, ist sein bestreben die Versorgung über die Gefäße zu verbessern. Damit schafft der Körper eine bessere Infrastruktur in sich selbst. Unterm Mikroskop erkennt man, dass die sog. Kapillaren zunehmen. Das sind die kleinsten Blutgefäße, die für den Stoffaustausch an den Zellen mit zuständig sind. Hier werden Sauerstoff und Nährstoffe in die Zelle gegeben und Kohlenstoffdioxid und teilweise Zellmüll wieder mitgenommen. 

Muskeln

Nach etwa 6 Wochen sieht und merkt man eine deutliche Zunahme der Muskulatur bei konstantem Training. Was “konstantes Training” bedeutet, findest du hier. Dieses Stützt das Skelett und die Gelenke und dient damit automatisch als Arthrose- und Arthrititsprophylaxe. Zudem bedeutet ein gut und nachhaltig trainiertes Pferd, dass die Wahrscheinlichkeit zu verunfallen geringer ist. Muskulatur hält und fängt Stürze besser auf und lässt Stolperfallen vielleicht sogar keine “Falle” werden. 

Sehnen

Sehnen bauen wirklich langsam auf. Die Muskulatur ist deutlich schneller und den Sehnen meist voraus. Daher muss die Sehne immer im Hinterkopf behalten werden. Dieses sehr reißfeste Bindegewebe kann mit nachhaltigem Training dicker im Querschnitt werden. Damit ist sie auch stabiler. Was du bei einem Sehnenschaden machen kannst, habe ich dir hier verlinkt. Eine Studie hat gezeigt, dass bei einer unzureichenden Fütterung im Fohlenalter, die Wahrscheinlichkeit für Sehnenproblem drastisch ansteigt und leider einmal versäumt später nicht mehr aufgeholt werden kann. Also wenn du weißt, woher dein Pferd kommt und wie es gehalten wurde, kann dir das eventuell Aufschluss über Probleme mit der Sehne geben.

Knochen

Diese weißen Gebilde, die unsere Statik maßgeblich bestimmen, sind wahre architektonische Meisterstücke. Ganz gleich ob ihr Mark mit an der Blutbildung oder an der Bereitstellung unseres Immunsystems mit beteiligt sind oder sie enorme Kräfte aushalten: Hier hat man alles in einem. Dabei können selbst Knochen sich über Jahre an das Training anpassen. Ihr Aufbau im Querschnitt zeigt kleine und feine Säulen, die Stoßkräfte abfangen. Ein Springpferd hat z.B. eine andere Anordnung der Säulen als ein Freizeitpferd. Da dieser Prozess Jahre benötigt, solltest du hier immer ein Augenmerk auf die Intensität des Trainings legen. Denn nur weil ein Pferd hoch und weit springen kann, bedeutet das nicht, dass das Skelett oder die Sehnen dafür schon bereit sind. Mit 2,5 bis 3 Jahren ist das Längenwachstum zu 90% abgeschlossen. Anschließend folgt weiter noch das Breitenwachstum des Pferdeskelette bis etwa 5 Jahren. Abhängig von beispielsweise der Genetik und Fütterung.

Knorpel und Bänder

Gesunde Gelenke wünscht sich wohl jeder von uns und für unsere Pferde. Daran beteiligt sind Bänder und Knorpel. Vor allem der Knorpel braucht immer Abwechslung zwischen Be- und Entlastung, um optimal ernährt zu werden. Dieser wird nämlich durch Diffusion und nicht durch Blut gefüttert. Der Knorpel verliert an Härte, wenn ein Pferd längere Pausen (Boxenruhe) einlegt und ist daher verletzungsanfälliger. Genauso kann er bei einem gesunden Pferdetraining an Härte gewinnen. Gleichzeitig sind die Bänder maßgeblich für die Stabilität eines Gelenks. Bänder bestehen aus nahezu dem gleichen Material, wie die Sehnen, das Bindegewebe Kollagen. An den Bänder ist nur nicht der gleiche Zug, wie bei einem Sehne, die mit einem Muskel verbunden ist. Nichts desto trotz sind sie für die Führung eines Gelenks zuständig. Die Stabilität kann ähnlich, wie bei Sehnen, durch Koordinations- und Propiorezeptionstraining ( Tiefenwahrnehmung) verbessert werden.

Psyche

Ein bewegtes und gefordertes Pferd ist ein zufriedeneres Pferd. Dopamin sorgt für eine Dopaminausschüttung. Dieses Glückshormon gibt uns nach dem Training ein gutes Gefühl. Gleichzeitig werden die nervalen Verbindungen bei einem abwechslungsreichen Training im Gehirn verbessert. Das Gehirnhälften arbeiten besser miteinander.

Pferdetraining für mehr natürliche Bewegung

Im oberen Abschnitt hast du gesehen, dass Pferdetraining auf alles im Körper und Geist Einfluss nimmt. In diesem Abschnitt möchte ich dir zeigen, wie ein Pferd sich bewegt und du dein Training entsprechend anpassen kannst. Denn die Form der Strukturen geben die Funktion vor, gleichzeitig ist die Funktion ausschlaggebend für die Form. Beide Punkte bedingen sich permanent gegenseitig.

Schauen wir, wie sich unsere Pferde in freier Wildbahn bewegen. Die meisten von ihnen bewegen sich Schritt für Schritt grasend fort. Das etwa 16h am Tag. Damit sind sie immer in einem recht aufgewärmten Zustand und bereit zu flüchten ohne das Knorpel, Muskeln oder Sehnen drohen einen größeren Schaden davon zu tragen. Mit dem gesenktem Kopf am Boden spannen sich die Bänder zwischen den einzelnen Wirbeln auf. Das solltest du beim Reiten mit beachten. Das Pferd muss immer die Möglichkeit bekommen seine Wirbelsäule zu entfalten und ein ausgewogenes Maß zwischen Vorwärts-Abwärts und Versammlung zu bekommen. 

Des Weiteren sind die Bandscheiben an der Halswirbelsäule zylinderförmig geformt und damit auf ein Fressverhalten vom Boden ausgelegt. Der untere Teil des Halses ist entspannt. Die Brustwirbelsäule ist durch einen stabilen Brustkorb in der seitlichen Bewegung begrenzt. Der nächste Abschnitt der Lendenwirbelsäule hat massive Querfortsätze, die eine seitliche Bewegung verhindern. Lediglich das Becken kann sich seitlich frei bewegen.

Spiel und Spaß im Pferdetraining

Pferde toben und rangeln in ihren Herdenverbände. Für einige von uns mag das brutal aussehen, aber im Normalfall stecken keine bösen Absichten dahinter und sind vor allem in jungen Jahren wichtig, damit sie ihren Körper kennen lernen. Unsere Pferde lernen über das Spielen ihre körperlichen Grenzen kennen und verbessern ihre Fähigkeiten, wie Trittsicherheit und Balance. So ist es für unsere Tiere doch wünschenswert, wenn sie mehr kennenlernen dürfen, als nur einen Reiter auf ihrem Rücken und sie mit verschiedensten Böden und Materialien konfrontieren. Das macht gelassener und vermindert jegliches Unfallrisiko.

Wie sieht gutes Pferdetraining aus ?

Ganz allgemein gesprochen: BEDARFSGERECHT! Manche Pferde freuen sich riesig übers Springen, während andere lieber vom Boden ihre Aufgaben gestellt bekommen. Weiter musst du das Alter als ein Kriterium mit beachteten. Jungpferde sind noch elastischer, aber müssen erst noch an Substanz zulegen und Strukturen entsprechend ihrer späteren Belastung aufbauen. 

Kleiner Sidefact: Hast du aufgepasst? Die Wirbelsäule ist knöchern erst mit 5 Jahren vollständig ausgewachsen  Dementsprechend sollte überlegt werden, ab wann ein Pferd wirklich höhere Lektionen mit einem normalgewichtigen Reiter absolvieren sollte. Laut FN sollte ein fünf/sechsjähriges Pferd einfache Galoppwechsel, Kurzkehrt und die Versammlung im Trab und Galopp zeigen. Im darauffolgenden Lebensjahr werden fliegende Galoppwechsel, starker Schritt und Trab und Galopp- Halt- Übergänge absolviert. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Pferd dreijährig angeritten wurde.
Meine persönliche Meinung dazu ist, dass das verallgemeinernde Anreiten mit drei Jahren überdacht werden sollte. Ich finde es verlangt den Pferden, die noch Kindergartenkinder sind, zu schnell zu viel psychisch und teils physisch ab. Davon abgesehen, sind einige Strukturen für regelmäßige Belastung nicht stabil genug, wenn sie nicht vorher schon ausreichend gefordert sind. Die Ausbildungsskala hat durchaus ihre Berechtigung und die Lektionen, die man dem Pferd abverlangt , dienen immer einer Form der Gymnastizierung und damit der Gesunderhaltung. Dafür ist die Dressur gedacht. Jedoch denke ich auch, dass es fast schon ein wenig anmaßend ist allen Pferden die gleiche Ausbildungsskala auferlegen zu wollen. Somit würden viele Isländer direkt am Anfang durch mangelnden Takt versagen.

Goldie Oldie

Egal ob das Pferd im Alter noch reitbar ist oder ob du es schon in Rente schicken musstest. Wichtig ist es aktiv zu bleiben. Ein altes Pferd baut viel schneller ab und nur sehr schwer wieder auf. Somit ist das Mindestmaß immer Erhalt von Muskulatur und natürlich auch Forderung und Förderung alles anderen Strukturen. Erinnere dich bitte daran, dass der Körper alles sofort abbaut, das nicht genutzt wird.

Die goldenen Grundsätze des Pferdetrainings

Für jedes Training kann man Grundsätze ableiten, die allgemeingültig anwendbar sind. 

Eine geplantes Training ist ein gutes Training. Insbesondere mit einer Reitbeteiligung ist es schön einen Kalender o. ä. zu haben, in den Trainingseinheiten dokumentiert wird. So haben alle Parteien eine Übersicht und die Gefahr von Über- oder Unterforderung ist minimiert. 

Gleichzeitig lässt sich damit Abwechslung wesentlich leichter gestalten und Eintönigkeit wird entgegengewirkt. Eine gesunde Mischung von Arbeit auf und neben dem Pferd macht am meisten Spaß. 

Gleichzeitig sollte dein Pferdetraining ein Ziel verfolgen. Das kann auch etwas einfaches sein, wie Muskulatur erhaltend arbeiten oder eher anspruchsvoller die Piaffe erlernen. 

Weiter ist es wichtig, dass du in deine Trainingseinheiten ein Auf- und Abwärmen mit einberechnest . Erst nach 20 Minuten Schritt sind die Gelenke wirklich gut geschmiert. Das gilt für Alt wie Jung. Da nützen tolle Gamaschen für kürzere Aufwärmphasen leider nichts. Das betrifft meist nur die Muskulatur und selbst da nicht flächendeckend.

In der Aufwärmphase ist ein vorwärts- abwärts Reiten wichtig, um die Bänder an der Wirbelsäule unter Spannung zu bringen und die Dornfortsätze aufzutichten. 

Das Abwärmen dient dazu mental runterfahren zu können und der Muskulatur zu signalisieren “Training ist vorbei”. Hierbei wird Laktat (Stoffwechselendprodukt des Muskels) mit einem etwas angeregten Stoffwechsel abtransportiert. Das ist gleichzeitig eine Muskelkaterprophylaxe. Natürlich ist es wichtig nass geschwitzte Pferde entsprechend trocken zu reiten. 

Insgesamt denke ich, dass die Natürlichkeit der Bewegung des Pferdes  gefordert werden sollte. Bei jüngeren Tieren geht das meist noch spielerischer, wohingegen Senioren meist etwas mehr Zuspruch brauchen. Allerdings ist auch immer zu beachten, wofür das Pferd gezogen ist. Ein Springpferd möchte in der Regel Springen, wobei ein Kaltblüter deutlich mehr Spaß hat zu ziehen und sich entsprechend über Holzrückearbeit freut. Müssten die beiden ihre Aufgabe tauschen, sähe das nicht nur sehr merkwürdig aus, es entspricht auch schlicht nicht ihrer Verwendung. 

Pferdetraining muss bedarfsgerecht gestaltet werden. Faktoren wie Alter, Genetik, Ausbildungsstand und persönliches Zeitmanagement sind dabei ausschlaggebend und  planbar. 

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