Pferde brauchen Freunde – Sozialkontakt für die Gesundheit! – Basisreihe

von Mareike Heil
Sozialkontakt Pferde

Freundschaft. Was wären wir ohne unsere Freunde? Ohne Menschen, mit denen wir quatschen können, uns entspannen können, oder mal in Ruhe kuscheln? Das findest nicht nur du richtig schön, sondern auch dein Pferd. Denn vielfältiger Sozialkontakt ist für unsere Pferde eine wichtige Stütze in ihrem Leben. Sie streben nach Gesellschaft und einer Herde.  In diesem Artikel erfährst du, welche gesundheitlichen Vorteile eine Herde und Freunde für dein Pferd haben, was alles Teil des Sozialverhaltens von Pferden ist, warum freies Spiel ebenfalls super für dein Pferd ist und was für einen Einfluss die passende Haltung hat.

Dieser Artikel ist Teil unserer Basisreihe “nachhaltig gesundes Pferd” – beginne hier für die anderen Artikel zu den Themen Ernährung, Training, Schlafen & Haltung.

Gesetzeslage zur Pferdehaltung

Zunächst aber zur Gesetzeslage in Deutschland. Vermutlich hast du schon gehört, dass Pferde nicht allein, ohne ein anderes Pferd, gehalten werden dürfen. Aber wo genau steht das eigentlich? Diese Richtlinie steht nicht im Tierschutzgesetz direkt, sondern in den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten vom 09. Juni 2009“, herausgegeben vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Darin steht unter Absatz 2.1.1 Sozialverhalten folgendes:

“Pferde sind in Gruppen lebende Tiere, für die soziale Kontakte zu Artgenossen unerlässlich sind. Fehlen diese Kontakte, können im Umgang mit den Pferden Probleme entstehen und bei den Pferden Verhaltensstörungen auftreten. Das Halten eines einzelnen Pferdes ohne Artgenossen widerspricht dem natürlichen Sozialverhalten der Pferde.  
Die Kontaktmöglichkeiten zwischen den Pferden dürfen durch die Haltungsform und ihre konkrete Ausgestaltung nur so wenig wie möglich behindert werden. In jedem Fall ist mindestens Sicht-, Hör- und Geruchskontakt zwischen den Tieren sicherzustellen. Da Pferde ein ausgeprägtes Erkundungs- und Neugierverhalten haben, sollten sie auch am anderweitigen Geschehen im Haltungsumfeld teilhaben können.”

Pferden soll also die Möglichkeit der Interaktion mit dem Handlungsumfeld gegeben sein (bei Boxen zum Beispiel durch Fenster oder Türen oder mit Hilfe von Paddocks. Bei Offenställen erübrigt sich dies meist, da diese generell freier gestaltet sind). Außerdem soll wenigstens Sicht-, Hör- und Geruchskontakt zu anderen Pferde bestehen. Nachdem du diesen Artikel gelesen hast, sollte dir allerdings klar werden, dass das absolut nicht ausreicht, um das Sozialbedürfnis eines Pferdes zu stillen und zu wenig ist, um die positiven Effekte von Sozialkontakt hervorzurufen.

Den gesamten Leitfanden findest du unter diesem Link.

Das Sozialverhalten von Pferden 

Es gibt diverse Studien, ältere wie neuere, die immer wieder das Sozialverhalten von Pferden in freier Wildbahn beobachtet haben, um zu erkennen wie Pferde Herden bilden, miteinander kommunizieren und wie sie mit einander umgehen. So konnte gezeigt werden, dass Pferde absolute Herdentiere sind und immer dazu bestrebt sind eine zu bilden. Sie haben eine Rangordnung und schließen Freundschaften.

Wildpferd vs. domestiziertes Pferd 

Dennoch stellt sich die Frage, gibt es einen Unterschied zwischen unseren Pferden und Wildpferden? Tatsächlich zählen Pferde zu den Tieren, die selbst wenn sie Kontakt zu Menschen hatten, sehr schnell wieder verwildern und ein menschenunabhäniges Leben führen können. Zudem muss man bedenken, dass es heutzutage keine wirklichen, echten Wildpferde mehr gibt, denn sie alle stammen von Pferden ab, die irgendwann einmal in Menschenhand waren. Seien es die Wildpferde in den USA, Australien oder Neuseeland, die Pferde der Camargue oder im Dartmoor, oder schlicht die Przewalski Pferde der Mongolei, welche wieder ausgewildert wurden. Wie sich also das Ur-Wildpferd vor der Domestizierung Verhalten hat, werden wir nie wissen.

Ein entscheidender, weiterer Unterschied zwischen unseren domestizierten Pferden und den heute lebenden Wildpferden ist, dass die Herden in unseren Ställen sich nicht auf natürliche Weise gebildet haben, sondern von uns zusammengesetzt wurden. Oftmals gibt es zudem nach Geschlechtern getrennte Gruppen, was in der Wildnis nur auf Hengstgruppen zutrifft. Reine Stutenherden wurden bisher nicht beobachtet und Wallache existieren ebenfalls nicht. So konnten bisher durchaus Unterschiede im Verhalten von domestizierten Pferden im Gegensatz zu Wildpferden beobachtet werden – auch wenn diese nur sehr klein waren.

Was macht das Sozialverhalten aus? Wofür ist es da?

Das Sozialverhalten bzw. soziale Gefüge von Pferden beruht auf den drei C’s: Communication, Co-ordination, Cohesion; zu Deutsch: Kommunikation, Abstimmung / Koordination und Zusammenhalt. Pferde streben danach eine Herde zu bilden. Selbst wenn kein anderes Pferd da ist, bilden sie eine mit anderen Tieren ihrer Umgebung.

Das Bilden einer Herde, von Freundschaften und einer Rangordnung hat viele Vorteile wie Sicherheit, das Auffinden von geeigneten Futter- und Wasserplätzen, die Reproduktion und das Beschützen der Nachkommen. Gemeinsam sind sie stärker als allein und durch Spiel in der Jugend werden essenzielle Fähigkeiten geschult. Des Weiteren lernen Pferde durch Beobachten der älteren Herdenmitglieder wie man kommuniziert, wo man steht, wie man andere Pferde einordnet und wo es wann Futter und Wasser gibt.

Pferde kommunizieren untereinander, Koordinieren ihre Wanderbewegungen und fördern den Zusammenhalt durch ihr Verhalten. Da unsere domestizierten Pferde auf freien Flächen genauso handeln, kann und sollte ihnen dies nicht verwehrt werden.

Die Herde – Basis für Stabilität, Sicherheit und Reproduktion 

Zunächst mehr zum Thema Herde. Wie bildet sich eigentlich eine Herde? Wie sieht sowas aus? Gibt es Empfehlungen für das Zusammenstellen einer Herde für uns Menschen?

Einige Fakten zu Pferdeherden:

Eine Herde besteht aus 2 bis 20 Pferden, in der Wildbahn wurden keine größeren Herden beobachtet. Manche nutzen allerdings sich überschneidende Territorien oder bestehen aus einer größeren Gruppe, welche viele Sub-Herden bildet. Enge soziale Kreise sind meist nicht größer als 10 Pferde. Des Weiteren besteht eine Wildpferdeherde aus 1 bis 5 Hengsten, wovon es einen Alpha- und einen Beta-Hengst gibt, welche die Stuten decken dürfen. Ein Leithengst hält die Herde zusammen, koordiniert sie und beschützt sie gegebenefalls zusammen mit den anderen Hengsten gegenüber Feinden.

Eine Leitstute führt die Herde an. Sie weiß wo das Futter oder Wasser ist, kennt Routen und Regionen, und entscheidet, wann es sicher genug ist zu fressen oder zu trinken. Leitstuten stammen oftmals voneinander ab und sind ebenfalls oft die ältesten Stuten der Herde. Die Kernherde besteht somit aus einer Stutengruppe, welche zusammenbleibt, selbst wenn ein Hengst stirbt oder abwandert.

Jungtiere, weibliche wie männliche, werden hingegen im Alter von ca. 2 Jahren vom Hengst aus der Herde vertrieben. Stuten schließen sich nach einer Zeit des Umherstreifens anderen Herden an, Junghengste bilden ebenfalls nach einiger Zeit des allein seins Junggesellengruppen, bis sie alt genug sind eine eigene Herde zu übernehmen und zu führen.

Die Rangordnung

Älteren Beobachtungen zur Folge, dachte man, dass Pferde eine rein lineare Rangordnung haben. Das bedeutet: Es gibt einen Chef und eine Chefin und dann folgt es absetigend. Gibt es fünf Pferde steht Nr. 3 automatisch über 1 und 2. Neuere Forschungen auch unter domestizierten Pferden konnten das allerdings widerlegen, sodass man heute von einer non-linearen Rangordnung ausgeht, die deutlich vielfältiger ist. Das heißt: Nur weil A dominant über B und B dominant über C ist, kann C trotzdem dominant über A sein. Es sind sehr komplexe, individuell geformte Kooperationen und Bündnisse. Allgemein sind die Stuten wichtiger im sozialen Gefüge als die Hengste und stehen teilweise über dem Leithengst.

Pferde haben somit keine Hackordnung, wie das in strickt linearen Rangordnungen der Fall ist. Sie kommunizieren zudem eher über positive Verstärkung als Bestrafung, rück-vergewissern sich immer, um den Zusammenhalt nicht zu gefährden, und gehen Aggressionen und Konflikten wenn möglich aus dem Weg. Echte Dominanzprobleme haben unsere Pferde nur aufgrund der Einwirkung von uns Menschen zum Beispiel in den frühen Lebensjahren oder durch inadäquate Haltung.

Zuletzt wird bei Pferden zwischen Leadership und Dominance unterschieden. Dominanz zeigt den Platz in einer komplexen Rangordnung, Leadership kann jedes Pferd innehaben. So wurde beobachtet, dass je nach Tageszeit und Aktivität immer mal ein anderes, erwachsenes Pferd der Anführer ist, unabhängig vom Rang. So wird zum Beispiel das Weiterziehen von einem Futterplatz nicht unbedingt immer durch die Leitstute vorgegeben, sondern erfolgt gern als kollektiv.

Kann ich eine Herde mit meinem Pferd bilden?

Diese doch etwas romantisch verklärte Vorstellung, dass ich als Mensch meinem Pferd als Partner genüge – schließlich kommt man jeden Tag vorbei -, ist in vielen Köpfen hängen geblieben. Dennoch muss man ganz eindeutig sagen: Nein. Du kannst keine Herde mit deinem Pferd bilden, denn dafür müsste man ein fester, dauerhafter Bestandteil einer Herdendynamik werden. Man müsste so oft und genau so wie ein anderes Pferd Fellpflege mit dem eigenen Pferd betreiben, müsste mit ihm Grasen und Fliegen verscheuchen. Gemeinsam schlafen, spielen, sich langweilen, dösen, herumtollen. Und all das müsste dein Pferd selbst (autonom) entscheiden dürfen. Wenn dein Pferd also entscheidet, es will nicht mit dir besonders dick befreundet sein, dann muss das ok sein. Ich glaube, da bin ich lieber ein anderweitiger Kumpel für „Zeit mit dem Menschen“, als das mitzumachen. Ein Pferd sollte Pferdefreunde haben.

Freundschaft unter Pferden 

Wie Eingangs schon erwähnt: Auch Pferde brauchen Freunde! Denn innerhalb einer Herde bilden Pferde gern Freundschaften. Meist zu ein oder einigen wenigen (je nach Herdengröße) anderen Pferden. Meist sind diese ähnlichen Ranges, gleichen Alters und oft gleichen Geschlechts. In einer Herde domestizierter Pferde konnten sehr enge Freundschaften zwischen Stuten beobachtet werden, ebenso wie zwischen Wallachen. Gemischte Freundschaften gab es seltener und gern werden die eigenen Freunde auch gegenüber anderen Pferde verteidigt.

Freundschaft unter Pferde äußert sich durch gemeinsam verbrachte Zeit zum Beispiel mit Grasen oder Dösen. Fellpflege, die außerhalb von „Kratzen weil es juckt“ besteht (es gibt bestimmte Stellen die nur zum Zweck des Zusammenhalt-schaffens und Freundschaft-vertiefens geknabbert werden) und gegenseitiges Fliegen verscheuchen. Zudem sind Pferde gegenüber ihren Freunden deutlich toleranter und Freunde werden im eigenen Fluchtbereich erlaubt, sowie im persönlichen Raum akzeptiert.

Freundschaften haben für Pferde zudem einen großen Vorteilen. Allen voran bietet es ihnen Schutz und Sicherheit. Man wacht übereinander und passt aufeinander auf. Unter Wildpferden wird auch ein Vorteil für die eigene Reproduktion vermutetet. Und: Aktivitäten in Freundschaften, sogar schlicht die Anwesenheit eines Freundes, wirkt beruhigend, senkt die Herzfrequenz und lässt das Kortisollevel (Stresshormon!) sinken. Bei gemeinsamer Fellpflege oder dem Teilen von Futter werden vermehrt Oxytocin und Endorphine ausgestoßen, also Bindungs- und Glückshormone. Das führt dazu, dass sogar in der Wildnis manche Pferde lebenslänglich befreundet bleiben. <3

Die Auswirkungen der Haltung auf den Sozialkontakt 

Machen wir uns nichts vor, das größte Hindernis unserer Pferde im Bezug auf einen artgerechten und arttypischen Sozialkontakt sind wir Menschen mit der Haltungsform die wir unseren Pferde aufzwingen. Ganz gleich was sie davon halten. Daher hat nun mal die Haltung den größten Einfluss auf den Sozialkontakt und das Sozialverhalten unserer Pferde.

Pferde werden zum Beispiel schon sehr lange in Boxen gehalten, früher aus praktischen Gründen für das Militär oder nach getaner Arbeit auf dem Feld als Ruheplatz. Zudem, würde ich behaupten, hat sich damals (ganz gleich, ob bei den Römern, im Mittelalter oder zu Zeiten des ersten Weltkriegs, mal abgesehen von nicht-westlich geprägten, indigenen Völkern) vermutlich niemand so richtig für einen artgerechten Sozialkontakt unter Tieren interessiert.

Heutzutage werden aber die meisten Pferde aus reiner Freude, als Hobby gehalten. Sie müssen nicht viel leisten, müssen sich ihr Futter nicht suchen und stehen dennoch sehr häufig in Boxen oder Paddockboxen mit eigenen, einzelnen Weideparzellen. Als Gründe gegen eine Gruppenhaltung werde meist Punkte wie Bedenken wegen Aggression, Angst vor Verletzungen, Angst vor Rangkämpfen, mein Pferd muss aber Eisen tragen, das ist aber aufwendig, mein Pferd ist sozial unverträglich, etc. genannt. Diese lassen sich aber durch ein gut durchdachtes Management und eine Herdenbildung mit bedacht sehr gut vermeiden.

Stress in der Herde – Aggression, Drohverhalten – Ein Kampf um Ressourcen 

Nach dem was ich dir oben beschrieben habe, sollte dir klar sein, dass eine wirkliche, echte artgerechte und arttypische Pferdehaltung nicht mit bloßem Sicht-, Hör- und Geruchskontakt möglich ist. Es braucht Körperkontakt, es braucht mehrere Mitglieder, es braucht Freunde, es braucht ein soziales Gefüge mit Rangordnung. Denn das bietet deinem Pferd, was es wirklich braucht und schützt es vor Verhaltensproblemen durch Vereinsamung (siehe unten).

Dennoch herrscht in vielen Gruppenhaltungen einiges an Aggression, Drohverhalten, Stress und Unruhe. Ranghohe fressen sich voll und werden dick, Rangniedrige immer dünner. Das Problem bei solchen Situationen sind nicht die Pferde selbst, welche eigentlich immer bestrebt sind Konflikte zu vermeiden, sondern wieder das Haltungssystem und wie es aufgebaut ist. Zu wenige Futterplätze, zu viele Pferde auf zu kleiner Fläche, eine unpassende Gruppenzusammensetzung, zu wenige Schlafplätze, zu wenig Tränken. All das bedeutet Stress und einen täglichen Kampf um Ressourcen. Auch in der Wildbahn kämpfen Pferde zur Not um Ressourcen.

Was braucht es? Tipps zur Herdenkonstellation

Was es also braucht, sind kleine Herden, im Idealfall mit Pferden verschiedenen Alters, um eine natürlich gewachsene Gruppe zu simulieren, wo Jung von Alt lernen kann. Es braucht Stuten, Wallache und im Falle von Hengsten können diese wunderbar in Junggesellengruppen gehalten werden. Natürlich können Geschlechter getrennt gehalten werden, aber was eine harmonische Herdekonstellation angeht, konnten mit gemischten Gruppen die besten Ergebnisse erbracht werden.

Es braucht viele Futterplätze und Tränkenplätze, es braucht insbesondere Platz. Um sich aus dem Weg zu gehen (eine sehr beliebte Verhaltenspraktik unter Pferden!), um zu Spielen und sich zu bewegen. Damit ältere Pferde ihre Ruhe haben und junge Pferde Platz zum Toben. In einer Studie konnte zudem gezeigt werden, dass aggressives Verhalten unter Pferden deutlich reduziert wurde, sobald ausreichend Raufutter an ausreichenden Plätzen vorhanden war. So kann jedes Pferd seinen persönlichen Raum wahren und keins ist dort einfach hinein marschiert.

Hier findest du Tipps, wie du deinen Stall bewegungsfreundlicher gestalten kannst.

Fluktuationen durch Turnier oder häufige Wechsel 

Ein großer Stressfaktor sind die häufigen Fluktuationen durch Turnieraufenthalte, Lehrgänge oder allgemeine Stallwechsel. Konnte sich keine stabile Herde mit einer gesetzten Rangordnung aufbauen, so werden Fluktuationen durch Turniere oder Lehrgänge immer wieder Stress auslösen und somit zu Aggressionen führen. Aggressionen zeugen immer von instabilen Beziehungen oder einem Problem im Haltungssystem.

Wird ein Pferd also regelmäßig aus der Herde entnommen und kommt nach kurzer Zeit wieder, ohne dass es genug Zeit gab, um stabile Verbindungen aufzubauen, wird es zu Stress führen. Ebenso wie Fluktuationen durch allgemeine Stallwechsel. Viele Pferde ziehen häufig um und müssen sich so immer wieder an eine neue Umgebung und neue Pferde gewöhnen. Bei vielen Wechseln wird nicht nur die Stabilität einer Herde in einem Stall gestört (Rangordnungen müssen neu geklärt werden, Freunde müssen neu verteilt werden, Trauer um den Verlust eines engen Freundes führt zu Stress etc.), sondern auch das wechselnde Pferd muss sich an neue Umstände anpassen, muss neue Freunde finden, verliert zunächst an Sicherheit.

Daher empfiehlt sich die Eingliederungsphase möglichst lang und ohne externe Aufenthalte zu gestalten, sowie unnötige Fluktuationen so gut es geht zu vermeiden.  

Spiel unter Pferden 

Spielen Pferde eigentlich? Ja, Pferde spielen, man kann es aber leicht mit Aggression, Frust und Herauslassen von Stress verwechseln. Spiel entsteht immer ohne direkte Funktion und aus reiner Freude.

Unter Pferden wird Spiel meist bei Fohlen, Jährlingen, Jungpferden und erwachsenen Hengsten / Wallachen beobachtet. Stuten spielen hingegen im Erwachsenenalter nur sehr selten bis gar nicht. Viele Pferde spielen entweder mit ihren direkten Freunden oder haben spezielle Spielpartner, die sie je nach Art der Aktivität auswählen.

Unterscheiden zwischen Konflikt durch Stress oder Spiel aus Freude

Dennoch kann Spiel aus Freude schnell mit Konflikten aus Stress verwechselt werden. Ein persönliches Beispiel: Wir hatten vor Jahren mal einen weiteren Wallach als Einsteller. Nach einiger Zeit und im Winter begannen mein Wallach und der Einsteller jeden Abend um die gleiche Uhrzeit zu spielen. Laut unserer Nachbarn war das auch zu anderen Tageszeiten der Fall, aber hier besonders heftig. Ich war mir wirklich unsicher, ob es nun Spiel war (was mich gefreut hätte) oder die beiden große Probleme miteinander hatten.

Als mein Pferd aber begann stark abzubauen und mental wie körperlich absolut fertig wirkte, und ich die Situation etwas länger beobachtet hatte, wurde mir klar, dass es kein Spiel sein kann. Die zwei rangelten immer vor der Fütterung (der andere Wallach war sehr stark aufs Futter und auf unsere Stute fixiert), es gab also einen klaren Konflikt um Ressourcen und der Platz unseres Offenstalls war zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen. Gerade als ich beschlossen hatte den Besitzerinnen zu kündigen, hat unsere Stute ein letztes Machtwort gesprochen und den Wallach unschön verprügelt. Ich hab sie noch nie so genervt gesehen.

Sei also wachsam und beobachte genau, ob es freies Spiel ist oder ob Konflikte ausgetragen werden. Meist entstehen diese durch Ressourcenmangel (Futter, Herdenmitglieder, Platz). Kann ein Ressourcenmangel nicht behoben werden oder kommen zwei Pferde wirklich gar nicht miteinander klar, kann eine Lösung durchaus ein Umzug bzw. Auszug sein. Dein Pferd sollte in seiner Herde genügen Sicherheit und Schutz finden, sodass es dort entspannt leben kann.

Das Ziel von Spiel und warum es so gesund ist!

Besonders im Fohlen- bis Jungpferdealter, aber auch später, hat Spiel ein indirektes Ziel, denn es fördert in vielerlei Hinsicht die Anpassungsfähigkeit! So fördert es die muskuloskelettale Entwicklung, sowie kardiovaskuläre Fitness (ist also ein super Training), trainiert die Überlebensskills (besonders wichtig in der Freiheit als Hengst = Verteidigung gegen Angreifer), schult die Fortpflanzungsfähigkeiten und letztendlich auch die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten.

Denn: Spiel verlangt ein hohes Maß an Konzentration, Kommunikation, Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit. Es werden zudem tolle Glückshormone ausgeschüttet, die Motivation wird angeregt und die Freude an Aktivität gefördert. Spiel aus Freude ist also absolut super für dein Pferd!

Sozialkontakt und Gesundheit

Nachdem du nun sehr viel über das Sozialverhalten von Pferden gelernt hast, bringe ich dir abschließend noch einmal die positiven Effekte von Sozialkontakt und die negativen Folgen von zu wenig Sozialkontakt auf den Punkt.

Die positiven Effekte von Sozialkontakt / Gruppenhaltung

  • Das Gefühl von Schutz und Sicherheit
  • Ein artgerechtes und arttypisches Sozialgefüge
  • Pferde lassen sich einfacher händeln
  • Haben weniger Atemwegserkrankungen
  • Stärkere Knochen
  • Höhere Grundkondition und Kraft
  • Bessere Kommunikationsskills
  • Fellpflege reduziert die Herzfrequenz und lässt das Kortisollevel sinken = wirkt beruhigend
  • Oxytocin und Endorphine werden bei freundschaftlichen Kontakten ausgeschüttet = reduziert Stress, beruhigt und macht glücklich
  • Zufriedenheit

Die negativen Folgen von keinem Sozialkontakt / Einzelhaltung

Pferde in Einzelhaltung und ohne Sozialkontakt (Hören, Riechen, Sehen reicht nicht) entwickeln meist Verhaltensprobleme, stereotypes Verhalten und mentale Auffälligkeiten. Dazu gehört:

  • Wandern in der Box
  • Weben
  • Koppen
  • Zungenspiel
  • Krippenbeißen
  • Selbstverstümmelung
  • Aggression
  • Depression (Apathie)
  • Ängstlichkeit
  • Schlechte Kommunikationsfähigkeiten

Allgemein wurde stereotypes Verhalten noch nie bei Wildpferden oder frei gehaltenen Pferden beobachtet.

Fazit 

Wie du an der Liste sehen kannst, ist Sozialkontakt für ein derart herdenorientiertes Tier wie Pferde absolut essentiell und fördert eine nachhaltige Gesundheit, insbesondere im Hinblick auf die geistige Gesundheit. Die mentale Bürde die viele unserer Pferde durch eine durch uns gewählte Haltungs- und Trainingsform zu tragen haben, ist uns oftmals gar nicht bewusst. Aber von Natur aus brauchen Pferde eben eine Herde, Freunde, Spielgefährten. Fellpflege, gemeinsames Grasen oder Schlafen ist tief in ihrem Wesen verankert und sollte mit bedacht werden. Heutzutage, wo es keine praktischen Gründe mehr dafür gibt ein Pferd in Einzelhaltung zu stellen (abgesehen von Krankheit), sollte es auch schlicht nicht mehr gemacht werden. Dafür sind meiner Meinung nach sowohl ich als Halter:in, als auch die Stallbetreiber:innen verantwortlich.

Eine kleine Geschichte am Schluss: Bei der Auswilderung der Przewalski-Pferde in der Mongolai kam bald darauf das erste Hengstfohlen zur Welt, welches ganz der Natur nach im Alter von 2 Jahren die Herde verlassen musste. Da es zu diesem Zeitpunkt aber noch keine anderen Jungpferde gab, denen es sich anschließen konnte, hat es sich zunächst einer Gruppe Rentiere angeschlossen. Es blieb dort so lange, bis weitere Junghengste geboren wurden, mit welchen es dann gemeinsam eine Junggesellengruppe gebildet hat.

Dieser Junghengst hatte also ein derartiges Bedürfnis nach einer Herde die ihm Schutz, Sicherheit und Gesellschaft bietet, dass er andere in einer Gruppe lebenden Tiere wählte, bis genug Artgenossen da waren. Dennoch konnte dieser Hengst keine eigene Stutenherde zur Reproduktion finden, denn dafür fehlte im anscheinend das nötige soziale Wissen. Es gibt so viele Pferde auf diese Welt, warum halten wir sie immer noch getrennt, obwohl es gar nicht nötig ist und es ein absolutes Grundbedürfnis für sie darstellt?

Quellen / Weiterlesen

Konstanze Krüger. “Social Ecology of Horses”. 2018.

Debbie Busby. “Social Structure of the Horse”.

Landsberg, Denenberg. “Social Behaviour of Horses.” 2016.

“Horse Behaviour”. Wikipedia.

Lucy Rees. “Horses in Company”.

Burla et al. “Effects of feeding management and group composition on agonistic behaviour of group-houses horses”. 2016.

Abby Keith. “Social bonding in Horses.” 2019.

Van Dierendonck. “The Importance of Social Relationships in Horses”. 2006.

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