Eine für jeden Tag – 7 Dehnübungen für Pferd und Reiter:in!

von Mareike Heil
Artikel Dehnübungen Hauptbild

Von Dehnübungen hat mit Sicherheit jeder schon einmal gehört. Mindestens aus der Turnzeit im Sportunterricht sind sie bekannt und das es sowas auch für Pferde gibt, weiß inzwischen auch fast jede:r bewusste Reiter:in. Dennoch führen Dehnübungen, sowohl im menschlichen, als auch pferdischen Bereich eher ein Schattendasein. Zu kompliziert, zu zeitaufwendig, das zwickt dann aber und wozu sowas machen, wenn es auch ohne recht gut klappt, sind immer wieder gern genutzte Gründe dafür keine Dehnübungen zu machen. Ich kenne diese Ausreden auch ganz gut…

Warum Dehnübungen aber sinnvoll sind, wie man das macht und wofür genau sie da sein können, dass erkläre ich in diesem Artikel. Damit das Ganze nicht einseitig auf den Pferdefreund abgeschoben wird, gibt es dazu noch ähnliche Übungen für uns Reiter:innen. Dann kann demnächst zusammen geübt werden. Klingt doch jetzt schon nach Spaß!

Grundlagen des Dehnens

Bevor es richtig losgeht, steigen wir erstmal sanft in die Grundlagen ein und ich beantworte ein paar generelle Fragen.

Warum sollte man sich dehnen?

Muskeln können sich durch diverse Gründe (z.B. unsachgemäße Nutzung, nicht Nutzung, Vorgeschichte etc.) verkürzen und verkleben. Dehnübungen sollen somit dazu beitragen, die Muskulatur elastischer zu machen. Nur ein entspannter, geschmeidiger Muskel wird ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Ein sehr verkürzter, verklebter oder auch sehr verspannter Muskel kann nicht wachsen. Starke Verspannungen können sogar trotz Training dazu führen, dass ein Muskel atrophiert (Schrumpft, kleiner wird, sich Muskelmasse zurückbildet).
Dehnübungen können somit – neben Massagen – zur Muskelentspannung und zum Muskelaufbau beitragen.

Elastizität und Geschmeidigkeit verringern außerdem das Verletzungsrisiko. Sich vertreten, stolpern, Muskelrisse, Sehnenrisse, Überdehnungen etc. können somit verhindert werden. Des Weiteren werden auch ganz nebenbei Koordination und Balance geschult, was ebenfalls wieder Auswirkungen auf die Trittsicherheit und somit das Verletzungsrisiko hat.

Wie Bewegung jeglicher Art fördern Dehnübungen auch die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Blut ins Gewebe und den Abtransport von Schlacken aus dem Gewebe. So entsteht wiederum Geschmeidigkeit und Verklebungen werden verhindert.

Sehnen lassen sich deutlich weniger dehnen als Muskeln. Dennoch werden sie immer mit „gedehnt“, was, wie vorher schon erklärt, auch hier zu einer besseren Versorgung des umliegenden Gewebes führt und die Geschmeidigkeit fördert, denn auch Sehnen können mit dem sie umgebenden Gewebe verkleben (Faszien).
Zusammengefasst heißt das also:

Dehnübungen fördern Beweglichkeit, Koordination, Gleichgewicht, Nährstoffversorgung des Gewebes, Abtransport von Schlacken, Entspannung und Muskelaufbau.
Sie verhindern und vermindern Steifheit, Verspannungen, Verklebungen und das Verletzungsrisiko.

Klingt doch eigentlich total super. Aber weiter:

Warum sollte ich mich als Reiter:in dehnen?

Die oben genannten Aspekte treffen natürlich auch auf den Menschen zu. Dennoch sind Dehnübungen auch für den / die Reiter:in noch aus anderen Gründen wichtig. Sind wir beweglich und entspannt, können wir uns besser dem Pferd und seinen Bewegungen anpassen. Wir sitzen besser, sind ausbalancierter und stören somit unser Pferd nicht in seiner Bewegung, sondern können es mit unserer eigenen Balance unterstützen. Sind wir beweglich ist unser Sitz geschmeidiger. Und geschmeidig reiten klingt doch irgendwie elegant und erstrebenswert, oder nicht?

Außerdem können diese Dehnübungen das Vertrauen zwischen Reiter:in und Pferd stärken und man verbringt noch etwas mehr Zeit mit seinem Pferdefreund.

Muss ich etwas Besonderes beachten?

Ja, es gibt schon einige Kleinigkeiten, die man nicht außer Acht lassen sollte.

Zuallererst wären das Vorerkrankungen, welche zu beachten sind, wie zum Beispiel Arthrosen, Spat, Kissing Spines oder Muskel/ Sehnenrisse. Abhängig von der Erkrankung sollte man die Übung(en) nur sehr vorsichtig oder in anderer Form ausführen und sich zuerst von seinem:er Pferdephysiotherapeuten:in des Vertrauens beraten lassen.

Außerdem sollte man sich und sein Pferd NIE kalt dehnen. Kalte Muskeln sind verletzungsanfälliger als bereits aufgewärmte. Um die Verletzungen die man dauerhaft verhindern möchte (oder z.B. Muskelkater) nicht schon vorher zu provozieren, ist es am besten die Dehnübungen NACH getaner Arbeit/dem Training, einem Spaziergang oder dem Longieren zu machen. Außerdem sind warme Muskeln auch dehnfähiger und ein besseres Ergebnis wird erzielt.

Generell gilt aber, bei Unsicherheiten an eine:n Physiotherapeuten:in wenden, der / die einem bei Bedarf auch nochmal das korrekte Ausführen der Übungen zeigen und die Übungen individuell anpassen und ergänzen kann.

Jetzt wird’s ernst – Aufbau von Dehnübungen

Nun zu den ersten Details.

Es gibt zwei verschiedene Arten von Dehnungen. Die aktive und die passive Dehnung.

  • Bei der aktiven Dehnung muss das Pferd von allein in eine dehnende Haltung gehen, um z.B. eine Karotte zu erreichen. Dabei muss es einige Muskeln aktiv anspannen und andere locker lassen, um diese zu dehnen. 
  • Die passive Dehnung wird vom Reiter ausgeführt. Platt gesagt: Wir ziehen am Bein und da streckt sich was.

Die Dauer

Beim Menschen sagt man häufig, dass eine richtige Dehnung mit Auswirkungen erst ab einer Dauer von 40 – 60 Sekunden eintritt. Ich würde auch jedem empfehlen eine Dehnung – auch der später folgenden Übungen – so lange zu halten.

Beim Pferd gestaltet sich das etwas schwieriger. Gerade am Anfang können und mögen viele Pferde eine Dehnung keine 60 Sekunden lang aufrecht halten und Achtung: Man selber kommt dabei auch ganz gut ins Schwitzen (An dieser Stelle noch der Hinweis, dass man bei Dehnübungen am Pferd auch auf seine eigene Haltung achten sollte!).
Daher würde ich für den Anfang empfehlen erstmal zu schauen, wie ist meine Ausgangslage, was kann mein Pferd?

Generell sollte man die maximale Dehnung versuchen für 5-10 Sekunden aufrecht zu erhalten. Wenn dann noch die gesamt Zeit (nein man muss nicht immer bis zum Anschlag dehnen) an die 30 Sekunden kommt, ist das schon sehr gut. Später kann man dann darauf hin arbeiten, die Dehnzeiten zu verlängern. Schafft der Pferdefreund zu Beginn nur unter 30 Sekunden, sollte das erst recht eine Ermunterung zum Üben sein.

Damit Dehnübungen auch wirklich effizient sind müssen sie außerdem regelmäßig gemacht werden. Einmal im Monat, Quartal, Jahr, zur Sonnenfinsternis, wenn die Grashüpfer im Mondschein zirpen wird da nicht ausreichen.
Daher erkläre ich gleich 7 Übungen. Für jeden Tag eine. Denn eine Übung pro Tag lässt sich einfach und schnell einbauen.

Die 7 Dehnübungen

Hinweis: Ich gehe bei meinen folgenden Erklärungen davon aus, dass jeder ein Grundwissen der Pferdeanatomie besitzt und man z.B. weiß, wo das Kapalgelenk zu finden ist.

Nr. 1 – Vorderbein nach vorne bzw. Hand zum Rücken.

Dehnung: M. triceps brachii

Was macht der? Rückführer der Gliedmaße, Beuger des Buggelenks(Mensch: Schultergelenk), Strecker des Ellenbogengelenks

Was verbessert sich? Der Raumgriff wird vergrößert, die Schulter bewegt sich besser.
Beim Mensch: Die Beweglichkeit der Schulter verbessert sich, die Haltung ebenfalls.

Nr. 2 – Vorderbein nach Hinten bzw. Arm an den Baum/Wand

Dehnung: M. biceps brachii, bes. M. pectoralis descendens, M. brachiocephalicus

Was machen die? Sie sind Vorführer der Gliedmaße, der Biceps Strecker des Buggelenks und Beuger des Ellenbogengelenks

Was verbessert sich? Ebenfalls der Raumgriff und die Beweglichkeit der Vorhand.
Beim Mensch: Bei dieser Übung werden hauptsächlich die Brustmuskeln gedehnt. Dadurch verbessern sich die Körperhaltung und die Beweglichkeit der Schulter.

Nr. 3 – Hinterbein nach vorne bzw. Hand greift Zehenspitze im Stand

Dehnung: M. semimembranosus, M. semitendinosus, M. biceps femoris

Was macht der? Semimembranosus + semitendinosus = Rückführer der Gliedmaße  und Strecker des Hüft – und Kniegelenks.
biceps femoris = Strecker der Gliedmaße

Was verbessert sich? Das Untertreten der Hinterhand, das Abkippen des Beckens, die Beweglichkeit der Hüfte.
Beim Mensch: Die Beweglichkeit der Hüfte, die Elastizität der hinteren Beinmuskulatur

Nr. 4  – Hinterbein überkreuz unterm Bauch  bzw. Hand greift Zehenspitze diagonal im Sitzen

Dehnung beim Pferd: M. biceps femoris, M. gluteus superficialis, M. gluteus medius

Was macht der? Beugung des Hüftgelenks, Vorführen der Gliedmaße, Streckung der Gliedmaße, Schubwirkung Rumpf

Was verbessert sich? Der Raumgriff der Hinterhand, das Abkippen des Beckens, das diagonale Übertreten (Seitengänge).
Beim Mensch: Die Beweglichkeit der Hüfte, des Rückens und die Elastizität der hinteren Beinmuskulatur

Nr. 5 – Hinterbein nach hinten  bzw. Hand greift Fuß hinterm Rücken

Dehnung: M. quadriceps femoris, M. iliospoas, M. psoas major + minor,

Was macht der? Vorführer der Hinterhand, Aufwölbung der LWS, Beugung des Hüftgelenks

Was verbessert sich? Besonders geeignet für Pferde die viel versammelt gehen. Streckt das Hüftgelenk, verbessert den Raumgriff, Ausgleich zu Übung Nr.4.
Beim Mensch: Diese Übung dehnt noch deutlich mehr, als die genannten Muskeln. Sie verbessert die Haltung, Beweglichkeit der Hüfte, Streckt die Muskeln an der Vorderseite des Oberschenkels.

Nr. 6 – Karotte an der Seite bzw. Streckung in der Hocke

Dehnung: die gesamten Muskeln der Rückenpartie, der Halsmuskulatur, M. intercostales,

Was machen die? Bei dieser Übung erfolgt eine komplette Streckung der Muskeln auf der einen Körperseite, während die Muskeln auf der anderen Körperseite sich anspannen und zusammen ziehen müssen um die gewünschte Position ein zu nehmen und halten zu können.

Was verbessert sich? Beweglichkeit von Hals/Schulter/Rücken, Gleichgewicht, Atmung (Intercostalmuskulatur), Aufwölbung des Rückens, Kippen des Beckens zur Seite, Training der Bauchmuskeln
Beim Mensch: dito

Nr. 7 – Den Rücken heben bzw. Einen Buckel machen

Dehnung: Anspannen der Bauchmuskeln, Beugung von Brust- und Lendenwirbelsäule, Nutzen der thorakalen Muskelschlinge um den Widerrist zu heben.

Was verbessert sich? Körperhaltung, Aufrichtung, Beweglichkeit des Rückens

Wie? Unter dem Bauch befinden sich einige Reflexpunkte direkt neben der Mittellinie (ca. 1-2 Handbreit hinter dem Vorderbein). Manchmal muss man etwas suchen bis man die Stelle gefunden hat auf die das Pferd reagiert. Dort wird dann mit den Fingerkuppen fest gedrückt. Viele Pferde freuen sich auch über einen Schubereinlage an dieser Stelle.

Hinweis Pferd: Kann das Pferd diese Übung, welche mehr ein Test als eine richtige Übung ist, nicht oder nur sehr schlecht ausführen, dann sollte ein Physiotherapeut oder Tierarzt hinzugezogen werden um die Beweglichkeit und Gesundheit der Wirbelsäule zu überprüfen.  

Geschafft! Die Trainingswoche ist komplett!

Fazit

Zum Schluss kann man also sagen, dass Dehnübungen einiges bewirken können. Auf unsere eigene Beweglichkeit haben sie genauso Auswirkungen wie auf die unseres Pferdes. Diese 7 Übungen verbessern nachhaltig die Beweglichkeit der Schulter, der Hüfte, der Gliedmaßen, des Rückens. Sie verbessern ebenfalls den Raumgriff und das Gleichgewicht, sowie die Körperhaltung.

Zuletzt sei nochmal gesagt, dass bei Unsicherheiten ein kompetente:r Physiotherapeut:in hinzugezogen werden sollte. Sowohl beim Pferd, als auch beim Menschen. Jede dieser Übungen birgt auch ein gewisses Verletzungs- und Unfallrisiko, wie bei jeder Arbeit mit dem Pferd. Zeigt das Pferd deutliche Anzeichen des Missfallens und droht zu treten oder zu schlagen, sollten diese Übungen nicht ohne weiteres ausgeführt werden und ggf. ein:e Trainer:in hinzugezogen werden.

Quellen und Nachschlagewerke:

Higgins, Gillian. Anatomie, Gymnastizierung, Muskelaufbau: Die besten Übungen am Boden. Kosmos, 2014.

Muskeltopografie des Pferdes: www.tierphysiotherapie-bergheim.de/topo/index.htm

Pferd Skelett Beschriftet:  www.wissenueberpferde.de/wissen/anatomie.html

0 Kommentar

You may also like

Kommentar schreiben

Zum Anfang