Du willst dein Pferd Anweiden? So gelingt’s!

von Mareike Heil
Beitragsbild Pferd Anweiden

Es wird Frühling, alles sprießt, Tulpen blühen, an einigen Büschen beginnt ein Hauch von Grün zu erscheinen. Dein Pferd schielt bei jedem Gang ins Freie auf jegliches Grün, manche lassen sich kaum noch halten. Dir als BesitzerIn kribbelt es in den Finger: Wann geht’s los mit Anweiden? Hier erfährst du alles wichtige auf das es ankommt und wie du dein Pferd richtig anweidest.

Zunächst mal: Warum sollte ich anweiden?

Es gibt ja immer noch viele PferdebesitzerInnen und StallbesitzerInnen, die sagen, Pferde brauchen nicht angeweidet werden, weil „Kühe brauchen das auch nicht“, „wir haben das immer so gemacht“, „Heu ist doch Gras“ und „dein Pferd muss das abkönnen“. Leider ist es dann doch nicht ganz so einfach.

Die Darmflora im Dickdarm unserer Pferde ist extrem empfindlich. Zudem sind sie auf die gesamten kleinen Mikroorganismen angewiesen, um ihr Futter zu verdauen. Diese Darmbakterien sind allerdings hochspezialisiert. Einige mögen lieber Heu, andere Gras. Bekommt dein Pferd nun im Winter Heu (auch die raspelkurze Weide des Grauens zählt nicht), wie das hier bei uns meist der Fall ist, kann diese Darmflora absolut nichts mit Gras anfangen und muss erst langsam eingewöhnt werden.

Geschieht diese Gewöhnungsphase (das Anweiden) nicht, oder zu schnell, verändert sich das Mikrobiom des Dickdarms so schlagartig, dass der Körper nicht damit klar kommt. Einige Bakterien vermehren sich stark, wie zum Beispiel Lactobazillen, welche Milchsäure produzieren und somit den pH-Wert beeinflussen. Andere sterben plötzlich ab und werden als totes organisches Material zu Giftstoffen.

Folgen von zu schnellem Anweiden

So kommt es dann, durch die Vorgänge im Darm, bei glimpflichen Ausgängen zu Kotwasser oder etwas Durchfall. In schlimmen Fällen können allerdings innerhalb kürzester Zeit starke Koliken auftreten. Zudem wird eine Hufrehe durch die veränderte Darmflora begünstigt. Kommt dann noch ein minderwertiger Bewuchs und schlechte Wetterverhältnisse hinzu, besteht die Gefahr, dass eine Hufrehe durch hohe Insulinwerte (Blutzuckergehalt, durch den Zuckergehalt im Gras) ausgelöst wird.

Damit weder Kotwasser und Durchfall, noch Koliken oder Hufrehe auftreten, kannst du einige Punkte beachten. Letztendlich gibt es drei wesentliche Säulen die für ein erfolgreiches Anweiden essentiell sind. Das Weidemanagement, die Planung inklusive des Wetters und das Kennen deines Pferdes, denn so sehr man versucht es nach den richtigen Vorgaben zu machen, es kommt auch auf das Individuum Pferd an.

Was du beim Anweiden beachten solltest:

Das Weidemanagement

Zunächst einmal sollte deine Weide, bzw. die Weide auf der dein Pferd steht – egal zu welcher Jahreszeit – gut gepflegt sein. Das bedeutet sie hat gleichmäßigen Bewuchs, welcher nicht durch Überweidung im letzten Sommer oder über Winter strapaziert wurde. Die optimale Weide hat zudem eine große Gräservielfalt mit einigen Kräutern. Man sieht grob ein Verhältnis von 70% Gras zu 30% Kräutern als optimal an. Allerdings ist das natürlich nicht immer der Fall. Dennoch sollte die Wiese weder bedeckt von Löwenzahn und Sauerampfer sein, noch nur aus einer einzigen Grassorte bestehen. Nur die Vielfalt kreiert eine widerstandsfähige Darmflora und damit ein gesundes Pferd.

Total überweidete Flächen – viele schimpfen sie gern ‚Magerweiden‘, welche sie aber genau genommen nicht sind – sind in der Pferdewelt sehr häufig anzutreffen, allerdings ein absolutes No-Go. Bekommen diese eine zu kurze Ruhezeit über den Winter und werden im Frühjahr nicht gepflegt (Wiese schleppen, Düngen, Nachsähen, Ruhen lassen), sind Koliken, Durchfall und/oder Hufrehe vorprogrammiert.

Raufaserreiches Gras, schon fast zu lang. Copyright @pferdeSummen
Dünneres Gras, noch zu kurz. Copyright @pferdeSummen

Für ein gelungenes Anweiden ist zudem auch die Graslänge wichtig. Von der Bierflaschenhals-Regel haben die meisten vermutlich schon mal gehört, wo auch immer sie herkommen mag. Dabei ist ein Bierflaschenhals, oder auch eine normale Bierflasche nicht sonderlich hoch. Besonders die wichtigen, raufaserhaltigen Gräser mögen starken Verbiss und Vertritt so überhaupt nicht und dünneres Gras wie Weidegras ist zwar deutlich robuster, führt aber erfahrungsgemäß schneller zu Durchfall. Daher ist eine Graslänge von 40 cm – 50 cm sowohl für die harten, als auch für die weicheren Grassorten ideal und die Pferde mögen diese Länge.

Die Auswirkungen des Wetters auf das Anweiden

Besonders PferdebesitzerInnen mit Rehepferden wissen es: sonniges, kälteres Wetter erhöht den Zuckergehalt im Gras; trübes, etwas nasses, mittelwarmes Wetter erzeugt einen Niedrigeren. Das liegt an der Photosyntheseleistung der Gräser. Daher sollten die ersten Tage der Weidezeit im Idealfall auf eher trübe, warme Tage fallen. Somit ist der durch die Photosynthese erzeugte Zucker geringer und wird in der Dunkelphase (nachts) gut in Fasermaterial umgebaut, anstatt eingelagert zu werden. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass der Zucker nicht gespeichert wird, sondern direkt für das Längenwachstum des Gras verwendet wird.

Warme Tage bedeutet zudem, dass kein Frost (auch nachts nicht) mehr vorhanden sein soll. Unter 5°C stellt die Pflanze ihr Wachstum ein. Dennoch wird aber bei Licht und besonders bei Sonne Zucker produziert und dieser in den Speicherzucker Fruktan umgewandelt und eingelagert. Pferde können Fruktan nicht verdauen und so gelangt es in den Dickdarm und kann in größeren Mengen fatale Auswirkungen auf die Darmbakterien haben, die entweder Party feiern oder das Zeitliche segnen.

Das Training und die Haltung

Auch das Training und die Haltung spielen eine Rolle. Regelmäßiges Training regt den Stoffwechsel an und fördert zudem die Darmaktivität. Auch die Bakterien im Dickdarm unserer Pferde freuen sich über Bewegung und werden durch sie angeregt. Außerdem kommt der gesamte Stoffwechsel in Gang, alle Nährstoffe werden zu Energie umgewandelt, die Organe in ihrer Tätigkeit angeregt. Das schützt, insofern das Training nicht übertrieben und stressfrei gestaltet wird , den Organismus und hilft beim Anweiden.

Mit der Haltung ist es ähnlich. Kann dein Pferd sich bereits ausreichend bewegen und bekommt genug Futter, gelangt es (mal abgesehen von den üblichen Frühlingsgefühlen 😉 ) deutlich stressfreier in die Zeit des Anweidens und die neue Saison.

Und was sagt MEIN Pferd?

Bei all der Planung, ist aber das ganz individuelle Befinden deines Pferdes nicht zu vergessen. Auch wenn ich dir gleich einen groben Leitfaden an die Hand gebe, bedenke bitte, dass dieser für dich nur als Idee zum Thema anweiden gedacht ist. Es ist kein fertiger “so- wird- es- gemacht- und- nicht- anders-” Plan. Ich kann dir nicht sagen, wie empfindlich dein Pferd und seine Darmflora ist, wie gut es mit welchem Gras klarkommt und wie langsam du anfangen musst. Neigt dein Pferd generell zu Koliken? Dann mach langsamer. Hat es schnell mal Durchfall oder Kotwasser? Dann ebenfalls. Hatte es schon mal Hufrehe? Dann überdenke bitte zunächst dein gesamtes Management, bevor du dein Pferd in die Weidezeit schickst. Manche Pferde können hier mit unseren Grasverhältnissen eben nicht (dauerhaft) auf die Weide.

Viele Wiesen enthalten mehrere Grassorten, welche beim Zeitpunkt des Anweidens unterschiedliche Längen haben.
Gräser wachsen unterschiedlich schnell. Während eins schon vor der Blüte steht, sind andere noch recht kurz. Dabei gilt es das ideale Mittelmaß zum Anweiden zu finden, damit das lange Gras auch gefressen wird. Copyright @pferdeSummen

So geht nun richtiges Anweiden! Der Versuch eines Plans.

Zunächst sei gesagt, ich halte nicht sonderlich viel vom minutenweisen Anweiden. Es scheint, als würden wir Menschen versuchen einen Prozess durch minutiöses Planen kontrollieren wollen, den wir an anderen Stellschrauben einstellen müssten. Ein Pferd frisst durchschnittlich in einer Stunde 4 kg frisches Gras. Rechnerisch in 15 Minuten also 1 kg. Man darf hier aber nicht an gleich 1 kg Heu denken. Bei dem Kilo Gras kommt noch der gesamte Wasseranteil hinzu, der dem Heu fehlt. Du musst also nicht mit 2 Minuten grasen starten, auf Grünstreifen, die viel zu kurz und artenarm und absolut nicht mit einer Weide zu vergleichen sind.

Mein Plan:

Ist deine Weide ideal gewachsen und sieht so aus als würdest du auch gleich reinbeißen wollen, dann starte ruhig mit 20 – 30 Minuten Weidezeit, nachdem dein Pferd Heu bekommen hat und ‚satt‘ ist. So stopft es weniger in sich hinein und die neue Nahrung wird gut mit der Alten verbunden. Außerdem kannst du in dieser Zeit den Stall misten, aufräumen oder ähnliches.

Für die nächsten 7 Tage bleibst du erstmal bei deiner Startzeit, so baust du eine Regelmäßgkeit auf und die Bakterien können sich daran gewöhnen. Laut Studien sind die ersten Tage die kritischsten in denen sich die Darmflora tatsächlich rasant verändern kann. Ich bleibe im übrigen auch in dieser Zeit bei meiner normalen Heu- und Strohmenge. Das bedeutet zwar Energieüberschuss, aber dafür ein geringeres Risiko für Durchfall oder Kotwasser.

Danach kannst du die Zeit immer um 15 Minuten erhöhen (außer dein Pferd ist empfindlicher, dann mach lieber langsamer). Hast du sie nun z.B. von 30 auf 45 Minuten erhöht, bleibe wieder ein paar Tage bis zu einer Woche, je nachdem was dein Pferd sagt, dabei. Letztendlich sagt man, dass sich der Magen-Darm-Trakt des Pferdes nach ca. 4 – 6 Wochen Anweiden an das neue Futter gewöhnt hat. Wenn alles gut läuft bist du so in Woche zwei bis 3 bei einer Stunde und kannst von hier aus weiter ausbauen. Später kannst du dann auch größere Zeitsprünge einbauen, da der Darm schon gewöhnt ist.

So weidest du langsam an, brauchst keine Stoppuhr nutzen und dein Pferd kann sich auf der Weide auch mal austoben und braucht nicht am Halfter herumstehen. Und du ebenfalls nicht. Generell gilt: Beobachte dein Pferd gerade zu Anfang genau. So kannst du Zeiten ggf. wieder kürzen oder jemand weiteren (Tierarzt / Tierärztin / TherapeutIn) hinzuziehen.  

Merke dir:

Eine gute Planung geht dem Anweiden voraus, aber dennoch solltest du es individuell auf dein Pferd abgestimmt gestalten. Wichtig sind: Grasbewuchs, Wetterbedingungen und das Befinden, sowie die Vorgeschichte deines Pferdes.

Links:

https://ker.com/equinews/avoid-abrupt-changes-in-equine-diets/?highlight=transition%20to%20pasture

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32810164/

Wenn du mehr zu dem Thema Fütterung erfahren möchtest, empfehle ich dir Conny Röhm.

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