Der Filzsattel – meine Erfahrungen und ein Interview

von Mareike Heil
Isländer mit Filzsattel

Im August 2020 habe ich mir nach langem Überlegen einen Filzsattel gekauft und er hat sowohl mir als auch meinem Pferd viel geholfen. Meine Erfahrungen der letzten 1,5 Jahre, möchte ich hier mit dir teilen. Denn vielleicht überlegst du auch gerade, ob du dir einen Filzsattel, ein Reitpad oder einen Lammfellsattel zulegen möchtest.

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Der Anfang – Warum ich mir einen Filzsattel gekauft habe

Leider muss ich hier ein wenig ausholen, aber es ist wichtig, um zu verstehen, warum ich so begeistert von meinem Filzsattel bin. Mein Isländer Somi ist kein einfaches Pferd – Stichwörter Durchgehen, schwer zu regulieren, viel Energie, schlechter Rücken (sehr kurz und wie benutzt man den?). Zudem passte ihm sein Sattel nicht wirklich, denn er war ihm viel zu lang. Viele Gespräche mit Sattler:innen machten mich zudem nicht gerade hoffnungsvoller, irgendwann einen Sattel zu finden, der auf seinen Rücken mit weniger als 40 cm Auflagefläche und zu meinem Hintern passt.

Außerdem habe ich selbst seit Jahren – also eigentlich, solange ich denken kann – Probleme mit meinem Sattel. Jedes Mal beim Reiten habe ich mich im Schritt wund gescheuert. Jedes Mal hatte ich dadurch Schmerzen. Bis zu einigen Gesprächen mit Maria, dachte ich tatsächlich das wäre einigermaßen normal. Vielleicht war mein Sitz durch den wenigen Reitunterricht der letzten Jahre einfach nicht mehr gut? Für einen Artikel haben wir uns dann intensiver mit dem Thema beschäftigt und ich musste feststellen: Das ist nicht normal. Man sollte sich seine Vulva bei einem einstündigen Ausritt nicht blutig scheuern, nur weil die Naht der Reithose und der Vorderzwiesel eine scheuernde Einheit bilden.

Schließlich beschloss ich, so geht das nicht mehr und ich will das auch nicht mehr. Wenn ich lieber zu Fuß gehe, um keine Schmerzen beim Reiten zu haben, läuft was falsch. Also kam der Filzsattel in mein und Somis Leben.

Warum ein Filzsattel und kein Reitpad oder Lammfellsattel?

Ich habe mich aus verschiedenen Gründen für einen Filzsattel entschieden. In dieser Liste kannst du meine Hauptpunkte nachlesen:

Halt und Freiheit

Auf einer großen Messe habe ich einmal einen Lammfellsattel von Barefoot probegesessen. Aber er kam mir aufgrund seiner Sitzfläche irgendwie einengend vor und in einer Nummer größer wäre Somi darin untergegangen. Ein Reitpad war mir zu minimalistisch. Aufgrund meiner Reitgeschichte mit Somi, bin ich eine eher unsichere Reiterin und mag es, etwas Halt zu haben. Dennoch möchte ich nicht zu sehr eingeschränkt werden. Zudem gehen wir fast ausschließlich ins Gelände. Da ist mir Halt und Freiheit gleichzeitig wichtig.

Das Material

Ein weiterer Punkt ist das Material. Ich achte gern auf Nachhaltigkeit und wollte einen Sattel aus möglichst natürlichen Materialen. Ein Reitpad kam somit nicht in Frage, da sie alle aus einem Polyestergemisch sind. Lammfellsättel sind ebenfalls aus viel „Kunst“ und um echtes Lammfell nutzen zu können, müssen Lämmer geschlachtet werden. Außerdem muss man Lammfell recht gut pflegen, damit es nicht platt und filzig wird. Somit blieb der Filzsattel.

Filz wird aus Schafswolle von geschorenen Schafen hergestellt, ist sehr robust und langlebig und einfach in der Pflege. Da ich sowieso ein Fan von Filz- und Lodenprodukten bin, fiel meine Wahl auf den Filzsattel.

Meine Gründe für die Wahl des Filzsattels in Kürze

  • Besserer Halt
  • Dennoch viel Sitzfreiheit
  • Nachhaltiges Material
  • Einfach in Pflege
  • Farbauswahl

Meine reiterlichen Erfahrungen mit dem Filzsattel

Meine Filzsättel sind von Isabel Steiner. Dort kann man sich auch einen Probefilzsattel schicken lassen. Hast du noch nie in einem Filzsattel oder Reitpad gesessen und möchtest einen haben, würde ich dir einen Probesattel sehr empfehlen. So kaufst du nicht die Katze im Sack und bist hinterher unzufrieden.

Ein wackeliger Start

So ganz begeistert war ich am Anfang vom Filzsattel nicht, denn es war ganz schön wackelig und Somi sehr irritiert. Wir sind vorher nie ohne Sattel reiten gewesen, denn es war mir einfach viel zu unsicher, da er auf jegliche kleine Bewegung sofort mit schneller werden reagierte. Dadurch hat sich in den letzten Jahren bei mir eine gewisse Angst eingeschlichen. Vor dem Losrennen, Kontrollverlust und Herunterfallen.

Dennoch habe ich den Sattel behalten. Man rutscht nämlich überhaupt gar nicht, fühlt sehr viel Bewegung und sitzt äußerst bequem. So hatte ich die Hoffnung, dass sein staksiger Gang mit der Zeit besser werden würde und meine Unsicherheit verfliegt. Letztendlich habe ich ihn aber aus Angst das erste halbe Jahr nur dreimal benutzt.

Im Januar 2021 kamen wir dann an einen Punkt, wo ich mir sagte „Ok. Entweder du nimmst jetzt den Filzsattel, oder du reitest nicht mehr.“ Denn wir hatten einen absolut beschissenen (sorry) Ausritt, bei dem alle vergangenen Bilder vom durchgehenden, unkontrollierbaren Pferd wieder hochkamen. Wir waren mit dem normalen Sattel unterwegs und er war die ganze Zeit grantig, bis er schließlich durchging, wie er es sehr lange nicht mehr getan hatte. Einfach so. Kopf hoch, Maul auf, Gas. Damit stieg ich von heute auf morgen zu 100% auf den Filzsattel um, denn ich wollte absolut nicht, dass er Schmerzen hat.

Die weitere Entwicklung und meine wichtigsten Learnings

Von da an ging es langsam, aber sicher, bergauf. Insbesondere am Anfang hat der Filzsattel wohl mehr psychologische Betreuung geleistet, anstatt als Reitunterlage zu dienen. Wir hatten aber auch viel aufzuarbeiten. So haben wir alles auf Null gesetzt und gaaanz langsam gestartet. So konnte ich nach und nach entspannen und wir uns gemeinsam an das neue Gefühl, viel mehr zu spüren als vorher, gewöhnen.

Wichtiges Learning Nr.1: Mach es in DEINEM Tempo. Denn du darfst und sollst dich wohlfühlen. Wenn die anderen nach kurzer Zeit im Galopp dahinpesen: Na und?

Drei Monate Schritt – wie bei uns – sind keine Schande. Nach 10 Minuten absteigen und führen ist keine Schande. Am Anfang nur 3 Schritte traben, macht ebenfalls keine schlechte Reiterin aus dir. Auch nach 1,5 Jahren steige ich immer noch ab, sobald ich mich unwohl fühle. Es ist mein Hobby, warum sollte ich etwas tun, was mir Angst macht? Und eine schlechte Reiterin bin ich erst, wenn ich nicht auf mein Bauchgefühl und mein Pferd höre.

Wichtiges Learning Nr. 2: Ich konnte nicht mehr reiten. Ich bin Jahre geritten, aber konnte nicht mehr reiten. So ein normaler Sattel ist super, aber falsch geschnitten ist er eine Sitzprothese, die dir jegliches Fühlen verweigert. Dank Angst und Sattel hatte ich jegliches Körpergefühl und Balance verloren. Die Fähigkeit, minimale Hilfen zu geben. Und: kein Unterricht der Welt, hätte das verbessern können.

Was hat sich bei meinem Pferd verbessert?

Bei Somi hat sich auch einiges gewandelt, er ist beim Reiten fast ein anderes Pferd geworden. Seine Entwicklung war unglaublich stark und ich bin gespannt was noch so kommen mag.

Filzsattel und schlechter Rücken?

Somis Rücken ist, wie oben erwähnt, sehr kurz, weshalb sein alter Sattel immer etwas in die Lendengegend gereicht hat. Eigentlich ein absolutes No-Go, aber einen bezahlbaren, passenden Sattel zu finden war quasi unmöglich. So hat er in den letzten Jahren an Rückenmuskulatur abgebaut, insbesondere hinter der Schulter. Es wird noch länger dauern, bis das wieder annehmbar aussieht, aber seine Löcher sind weg und er hängt nicht mehr so stark.

Ich denke, dass man trainingsbedingten Rückenprobleme nicht durch einen Filzsattel wegzaubern kann, aber wenn ein Pferd Schmerzreaktionen mit Sattel zeigt, kann der Filzsattel eine gute Alternative sein. Immer mit dem Blick darauf, dass das Pferd das Reitergewicht und sich selbst tragen kann. 

 Vom Durchgänger zum Verlasspferd

Zunächst: Denk nicht, dass ein Filzsattel (oder ähnliches Modell) das Allheilmittel ist. Durchgehen, hektisches Verhalten und unkontrollierbares Verhalten können viele Ursachen haben. Dass es bei Somi besser wurde, habe ich gar nicht erwartet oder überhaupt kommen sehen.

Aber tatsächlich ist es besser geworden und fast verschwunden. Früher gehörten heftige Reaktionen, grantig sein und mal durchgehen zu den „Routinen“ an denen ich hart arbeitete, um sie im Zaum zu halten. Da sich all diese Verhaltensweisen nach einiger Zeit fast komplett gelegt haben, gehe ich davon aus, dass er mit dem alten Sattel tatsächlich Schmerzen hatte. Nur das ich sie nicht wahrgenommen habe, da er schon immer so war. Inzwischen ist er richtig entspannt, lässt sich gut kontrollieren und sein Galopp ist einfach wundervoll geworden. Wenn ich mal rutsche rennt er nicht panisch los, sondern wird langsamer. Dafür bin ich sehr dankbar.

Welche Verbesserungen uns der Filzsattel gebracht hat – ein Fazit

BALANCE UND ENTSPANNUNG

So einfach ist es. Ich hatte ein wenig den Traum wieder wie als Jugendliche mit meinem Pferdefreund durch die Wälder zu streifen und völlig frei und unbeschwert zu reiten. In den meisten Momenten hat der Filzsattel uns genau das gebracht. Es ist wie barfuß laufen: man spürt sein Pferd, hat viel mehr Verbindung und ist gleichzeitig freier. Mein Sitz war früher wackelig und teilweise verkrampft. Jetzt ist er aufrecht und flexibel, ganz in Balance. Somi war früher oft das Gegenteil von Entspannung beim Reiten. Schnell, hektisch und anstrengend. Jetzt ist er ruhig und entspannt, ganz bei mir und wirkt zufriedener. Gleichzeitig kommuniziert er klarer, wenn ihm etwas nicht passt. Beziehungsweise mir ist es klarer, da das ganze Hintergrundrauschen weg ist.

Der einzige Moment, wo ich mir einen richtigen Sattel wünsche, ist bei längeren Ritten. Der Hintern muss ganz schön was leisten und die Polsterung eines Sattels wäre dann schon nett. Aber so steige ich dann einfach ab und gehe halt wieder eine Weile zu Fuß.

Als Abschluss findest du noch ein kleine Fragerunde, welche wir mit Isabel Steiner, der Produzentin des Filzsattels geführt haben.

filzsattel im detail in braun
Filzsattel im Detail

Kurzes Email-Interview mit Isabel Steiner vom Filzsattel

aka „Was es wichtiges zum Filzsattel zu wissen gibt.

Natürlich hat man einige Fragen zu so einem Filzsattel. Wir haben nun zuletzt einige für euch zusammengefasst und Isabel Steiner vom Filzsattel nach ihren Antworten befragt.

pS: Kommt der Filz den Sie verwenden aus Deutschland? Und falls nein, können Sie mehr zu der Herkunft sagen?

Isabel Steiner: Einen Teil des Filzes lasse ich seit 2021 speziell für uns aus Wolle von Schafen der Schwäbischen Alb filzen und färben. So werden die Schäfer ordentlich für Ihre Wolle bezahlt, die Wolle hat keine weiten Wege und ich kann bei der Haltung absolut sicher sein, dass die Schafe, sobald es die Witterung zulässt, in Wanderschäferei zum Grasen kommen. Die restliche Wolle beziehe ich von zwei Filzfabriken in der Nähe die vorwiegend australische und neuseeländische Wolle verarbeiten. Langfristig möchte komplett ich auf meinen „Albfilz®“ umsteigen. Die Kunden können momentan beim Kauf wählen, welches Material sie bevorzugen.

Da können wir als pferdeSummen und aus Nachhaltigkeitssicht nur sagen: TOP!!!

pS: Ich habe bei meinen Sätteln Gurtstrupfen aus Leder und bei dem älteren Sattel wirkt es so, also wären sie mit dem Gebrauch etwas länger geworden. Kann das sein und ist das schlimm?

Isabel Steiner: Ja, Leder arbeitet und längt sich mit der Zeit. Das ist nicht schlimm. Jedoch sollte man natürlich die Sache im Blick behalten. Dünne oder schadhafte Strupfen können / sollten ausgetauscht werden.

pS: Muss ein Filzsattel irgendwann zum Nachpolstern? Wenn ja, woran erkenne ich das?

Isabel Steiner: Normalerweise nicht. Es dauert sehr lange, bis die Polster nachgeben. Meist ist es nur das Comfortpolster in der Mitte des Sattels, dass sich tatsächlich zusammensitzt.

pS: Ich gehe richtig in der Annahme, dass man den Sattel nicht in die Waschmaschine packen sollte, selbst wenn er reinpasst, oder?

Isabel Steiner: Ich habe das natürlich schon probiert – aber ich kann mir im Notfall auch einen neuen Sattel nähen… In der Waschmaschine können leicht die Polster verrutschen, der Sattel kann sich komplett verformen. Ich würde auf jeden Fall empfehlen, den Sattel nur von Hand zu reinigen.

pS: Darf man den Sattel in der Badewanne per Hand waschen? Und falls ja, welche Seife dürfte man verwenden?

Isabel Steiner: Ja klar, das ist kein Problem. Ich würde rückfettende Schafseife verwenden.

pS: Ist es schlimm, wenn der Filzsattel mal bei einem unvorhergesehenen Regenschauer nass wird? (Außer, dass es vermutlich sehr unschön beim Sitzen sein wird).

Isabel Steiner: Nein, überhaupt nicht. Nach dem Ritt den Sattel einfach gut belüftet aufhängen und langsam trocknen lassen. Wichtig ist es, das Wasser nicht in den Sattel hinein zu reiben. Also Sattel abnehmen, gut ausschütteln, trocknen lassen. Wenn man schon vorher weiß, dass das Wetter nicht mitspielt, kann man auch unseren Regenschutz überziehen. So bleibt der Sattel sicher trocken.

pS: Wie dreckig darf der Filz werden?

Isabel Steiner: Ich bürste meinen Sattel 3-4 Mal im Jahr ab, vor allem nach dem Haarwechsel. Wenn die Pferde stark schwitzen lieber mal in der Wanne baden lassen und den Schweiß und Schmutz von der Sattelmitte zu den Strupfen hin „hinausschieben“.

pS: Welche Bürste eignet sich zum Säubern des Filzsattels?

Isabel Steiner: Ich nehme meist eine Magic Brush oder ähnlich feste Bürste. Dann ist das Ganze in wenigen Minuten erledigt.

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