Die Basis für ein gesundes Pferd

von Mareike Heil
Basis gesundes Pferd

Um ein wenig „back-to-the-roots“ Arbeit zu leisten, wollen wir eine kleine Basisartikel-Reihe in Bezug auf das Thema „Das gesunde Pferd“ starten. Dies ist der einleitende Artikel, in dem du alle wichtigen Informationen für den Beginn erhältst und in alle weiteren Artikel der Reihe weitergeleitet wirst. Unser Ziel ist es, mit Hilfe einer ganzheitlichen Betrachtungsweise ein nachhaltig gesundes Pferd zu haben. Dafür ist es nötig rechtzeitig – und nicht erst, wenn es zu spät ist – die essenziellen Weichen zu stellen. In diesem Artikel erfährst du, wie das geht.

Den Blickwinkel ändern: Prävention statt Rehabilitation

Um das Ziel „nachhaltig gesundes Pferd“ zu erreichen muss zwangsläufig die Gesundheitsvorsorge bzw. Prävention im Vordergrund stehen. Wir streben zudem nicht nur nach einem gesunden Pferd – mal ganz davon abgesehen, dass die Definition von “Gesund” bedeutet, vollkommen ohne körperliche oder mentale Einschränkungen zu sein und so ein Zustand nicht zu erreichen ist –, sondern wollen das nachhaltig gesunde Pferd im Blick haben. Also blicken wir auf langfristige Auswirkungen und vorsorgende Problemlösungen.

Mit einem Fokus auf die nachhaltige Gesundheit lassen sich kurzfristige, als auch langfristige Entscheidungen besser bewerten. Zu oft schauen wir erst was falsch gelaufen ist, wenn das Pferd einen Sehnenriss, wenn es Hufrehe, wenn es Equines Asthma oder wenn es Rückenprobleme zeigt. Dabei lassen sich all diese Erkrankungen durch gutes Management, sinnvoll angewandtes Wissen und Vorsorgemaßnahmen verhindern oder verzögern.

Warum sollte ich im Sinne der Gesundheitsvorsorge handeln?

Natürlich kann man nicht alle Risikofaktoren eliminieren. Einige Erkrankungen entstehen schneller aufgrund von Veranlagungen (wie zum Beispiel EMS, Equines Asthma oder Allergien). Manches sind einfach genetische Prädispositionen oder liegen außerhalb unseres Einflusses. Wohingegen man manchmal einfach Pech hat. Man kann nicht verhindern, dass ein Pferd beim Weidegang oder Ausreiten mal echt blöd in ein Loch tritt und sich verletzt. Aber man kann es bestmöglich halten und trainieren, sein Immunsystem nicht unnötig belasten (Erkältungen können trotzdem auftauchen), und vorausschauend mit reichlich Wissen handeln.

So spart man sich zudem durch Unwissenheit und Überschätzung erzeugtes Tierleid und kann im Idealfall seinem Pferd das bestmögliche Leben bieten. Gesundheitsvorsorge ist somit ethisch relevant, gelebter Tierschutz und Artgerecht. Außerdem können wir alle bewusst nachhaltiges Handeln in unserem Leben gebrauchen, ganz gleich ob wir dabei auf unser Pferd, auf uns oder auf unsere Umwelt, als auch unser Umfeld schauen.

Ein nachhaltig gesundes Pferd mit diesen Punkten:

Als Basis für ein nachhaltig gesundes Pferd haben wir diese Punkte gewählt:

–       Ernährung

–       Bewegung

–       Sozialkontakt

–       Schlaf

Diese vier Punkte sind zudem alle miteinander verbunden und werden beeinflusst durch und beeinflussen selbst die Haltung des Pferdes. Daher haben wir diesen Punkt nicht extra aufgenommen, denn er wird in jedem einzelnen Punkt wieder auftauchen.

Die Ernährung des gesunden Pferdes

Die Ernährung beeinflusst uns und auch unser Pferd maßgeblich in der Gesundheit. Was es alltäglich zu sich nimmt, formt es. Mit der Nahrung nehmen wir auf was unsere Zellen brauchen, um Energie zu erzeugen für Bewegung, die Organtätigkeit, das Herz, das Gehirn. Unsere Muskeln, Knochen, Sehnen und Gelenke werden stabil und aufrecht erhalten durch das was wir zu uns nehmen. Entsteht ein Mangel wird hingegen abgebaut oder umgebaut. Entsteht ein Überschuss wird eingelagert.

Beides kann Vorteile wie Nachteile haben: Ein kurzfristiger Mangel an Nahrung führt zum Beispiel beim Menschen dazu, dass Abfallstoffe aus Zellen abgebaut werden (zum Beispiel beim Fasten). Ist ein Mangel an Nahrung allerdings langfristig, wird die Körpermasse abgebaut: Muskulatur und Fett. Ist ein Mangel an Vitaminen oder Mineralien nicht kurzfristiger Natur, sondern ein unentdeckter Dauerzustand, so kann dies Auswirkungen auf die Nervenfunktion, Muskulatur, den Knochenbau oder den Gemütszustand haben. Ausgewogene Fütterung ist auch für Pferde essenziell.

Ein kurzfristiger Überschuss an Nahrung bzw. Energie in der Nahrung – andernfalls wäre sonst ein „Satt-Signal“ vom Gehirn ausreichend – hat auch keine langfristigen Konsequenzen. Der Überschuss wird eingelagert und bei der nächsten Gelegenheit wieder abgebaut. Manchmal ist es auch naturgegeben, zum Beispiel als Reserve für die Winterzeit. Aber ein langfristiger Überschuss führt meist zu Übergewicht und dann Adipositas mit allen verbunden Folgen: Organverfettung, Atemprobleme, Hufrehe, Hautprobleme, „Stoffwechselprobleme“ und nicht selten zum Tod. Und letztendlich sind über 60% aller Pferde in Deutschland übergewichtig. Hier läuft also eindeutig etwas falsch, gemeinsam mit dem Bewegungsanteil.

Die alltäglichen Gewohnheiten sind es, die uns Formen, nicht die Ausnahmen. Gleiches gilt fürs Pferd. Und scheitern wir bei der Ernährung unseres Pferdes, muss es alltäglich mit den Konsequenzen leben.

Hier gehts zum Artikel “Grundlagen der Pferdefütterung“.

Bewegung für ein gesundes Pferdes

Wie Nahrung durch Futter zu sich nehmen, ist die Bewegung eines der Grundbedürfnisse des Pferdes. Sich auf der Futtersuche gehend fortbewegen: Das ist die natürliche Bestimmung unserer Pferde, denn es ist ein Lauftier; Bewegung liegt ihm also im Blut. Dennoch gestaltet sich dieser Posten bei unseren Pferd als ebenso schwierig, denn seien wir mal ehrlich, so viel wie sich ein Wildpferd bewegt, bewegen sich unsere Pferde bei weitem nicht (siehe 60% übergewichtig).

Zudem sind unsere modernen Pferde zumeist immer ‚sportlicher‘ gezüchtet. Warmblütern steckt meist nicht nur die Arbeit im Krieg im Blut, sondern mittlerweile auch die leistungsstarke Dressur oder das Springen. Iberer wurden und werden zum Tiere hüten genutzt, sind also eigentlich ausdauernd. Araber waren / sind Spitzensportler der Wüste und unsere Kleineren: Isländer, Fellpony, Haflinger, Norweger, Shetty und Co. wurden ebenfalls zum ausdauernden Reiten oder kraftvollen Lastentransport genutzt und sind auch heute noch in der Lage, ausdauernde, vielseitige und leistungsstarke Pferde zu sein. Nicht zu unterschätzen sind zudem die vielen Kaltblüter, welche gern vergessen werden und oftmals nicht wirklich in ihrer Bestimmung als „Kraftpaket“ Einsatz finden. Auch wenn immer mehr Menschen das Holzrücken gemeinsam mit dem Kaltblüter wiederentdecken, so fristet es dennoch ein Nischendasein.

Somit ist auch eine adäquate, typgerechte Bewegung wichtig für ein nachhaltig gesundes Pferd. Ganz gleich ob aus historischer Sicht oder aus moderner Sicht betrachtet. Kein Pferd ist dazu gemacht 24/7 in der Box zu stehen oder sein Leben auf einem kleinen Flecken Weide zu verbringen. Auch kein Shetty oder Rentner.

Des Weiteren führt nicht-bewegen als Konsequenz zu weitreichenden körperlichen Problemen und Verschleiß, genauso wie unangemessenes Training und beides kann schlimmstenfalls zu Schmerzen und/oder Depressionen führen. Ausreichende, abwechslungsreiche Bewegung ist hingegen gut für den Körper und Geist und wird erreicht durch artgerechte Haltung und individuelles Training.

Hier zum Artikel “Grundlagen des gesunden Pferdetrainings”.

Der Sozialkontakt des Pferdes

Als Herdentier stellt der Sozialkontakt ebenfalls ein Grundbedürfnis dar. Zudem ist dieser Gedanke fest im Tierschutzgesetz verankert, wonach kein Pferd allein oder mit rein artfremden Tieren wie Eseln, Kühen, Enten, Schafen, Ziegen etc. gehalten werden darf.

Ein Problem im Bezug auf den Sozialkontakt ist oftmals noch die Boxenhaltung, in welcher die meisten Pferde in Deutschland leben. Boxenhaltung führt zwar zu Sichtkontakt, aber ein echter Sozialkontakt mit gelebter Kommunikation kommt so nicht zustande und kann unsozialem Verhalten, Stress und Verhaltensstörungen begünstigen.

Sozialkontakt (sich knabbern und kabbeln können, raufen, gemeinsam schlafen, liegen, fressen und wandern) ist ein wichtiger Teil der körperlichen, aber allen voran mentalen Gesundheit. Pferde brauchen eine gewisse Herdenstruktur, um sich sicher zu fühlen. Sie brauchen Freunde die Stabilität und Sicherheit bieten. Sie brauchen Sozialkontakt für ihre Gesundheit. Und auch Hengste brauchen sowas. Ebenso tragen die hohen Fluktuationen in Pensionsställen nicht zu einer stabilen Herdenstruktur bei. Ständige Wechsel, sei es kurzfristig wegen Turnieren oder langfristig, weil das Pferd selbst oder seine Herdenpartner immer wieder umziehen, ist steter Stress und lässt keine Ruhe zu.

Hier zum Artikel Pferde brauchen Freunde – Sozialkontakt für die Gesundheit!

Der Schlaf des Pferdes – oft vergessen

Den erholsamen und ausreichenden Schlaf unseres Pferdes vergessen wir sehr schnell und betrachten ihn nur selten. Dabei ist Schlaf ebenfalls ein Grundbedürfnis. Ich habe tatsächlich, als ich noch ganz klein war, gelernt, dass Pferde auch im Stehen schlafen und sich eigentlich nie hinlegen zum Schlafen. Das sowas total missglückte Weitergabe von Halbwissen ist, habe ich erst sehr viel später gelernt, bin mir aber sicher, dass es viele Menschen gibt, die es ebenso gelernt haben.

Daher: Ja Pferde können im Stehen schlafen. Aber um in die für sie ebenfalls wichtige Tiefschlafphase zu gelangen (REM-Phase), müssen sie sich hinlegen. Legt sich also ein Pferd zum Schlafen nicht ab, kommt es nicht in diese Schlafphase, was wieder starke Auswirkungen auf seine Gesundheit hat. Viele Pferde legen sich nicht hin, weil sie sich unsicher fühlen, weil sie nicht genug Platz haben, der Boden kalt und / oder nass ist und sie Angst haben nicht mehr aufstehen zu können (Alte Pferde!).

Nicht-Schlafen führt zu Stress, geistigen Einschränkungen, Erschöpfung, Aufgeladen sein, Depression, Pseudo-Narkolepsie und vielem mehr. Es ist also wichtig, dass wir uns auch Gedanken um die Zeit machen, wo wir nicht da sind und die wir nur selten beobachten.

Fazit zum Thema „Gesundes Pferd“

Die Felder Ernährung bzw. Fütterung, Bewegung, Sozialkontakt und Schlaf greifen also alle ineinander und verbinden sich in der Haltung. Die Haltung des Pferdes hat wiederum Auswirkungen auf alle genannten Bereiche. Die Fütterung ändert sich, die Bewegung ändert sich, der Sozialkontakt ändert sich und der Schlaf ebenfalls. Sind wir in der Lage diese Punkte für unser Pferd artgerecht und individuell anzupassen, so sind wir Imstande Veränderungen rechtzeitig zu erkennen, uns diesen Anzupassen und sinnvolle Entscheidungen Pro-Pferd zu treffen. Des Weiteren können wir unserem Pferd das bestmögliche Leben bieten, wie wir es mit unserem Wissen umsetzen können. Dadurch erreichen wir ein langfristig und nachhaltig gesundes Pferd.

Mir ist bewusst, dass es nun so klingt, als müsste man dies bereits im Alter von 0 Jahren beginnen und sobald unser Pferd nur etwas älter, oder vielleicht schon Senior ist, haben wir verloren. Aber das stimmt nicht. Man kann in jeder Lebensphase des Pferdes Optimierungen der Situation vornehmen, welche dann wiederum zu einer Art von nachhaltiger Gesundheit führt. Nichts ist perfekt und muss perfekt sein. Mach es für dich und dein Pferd passend, ganz gleich wie der Status Quo aussehen mag, denn mit Prävention zu Beginnen ist jederzeit möglich.

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